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Die Mitte der Welt

Ein Haus mit vielen Zimmern

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Venue
Landestheater Linz
by
Sarah Taylor Ellis (Musik)
Niklas Wagner (Buch und Liedtexte)
Direction
Karoline Gable
World premiere
2026

Gelungene Musicaladaption von Andreas Steinhöfels Roman „Die Mitte der Welt“

Das Leben kann man sich als großes Haus mit vielen Zimmern vorstellen, sagt Tereza, die engste Freundin seiner Mutter, im Roman zu Phil. Einige dieser Zimmer seien dunkel und verbergen Schrecken und Kummer. Aber manchmal führe der Weg in einen hellen, schönen Teil des Hauses eben nur durch eines dieser Zimmer.

Das neue Musical von Texter Niklas Wagner und Komponistin Sarah Taylor Ellis erzählt wie der Erfolgsroman von Andreas Steinhöfel eine Coming-of-Age-Geschichte. Phil und seine Zwillingsschwester Dianne leben mit ihrer jungen Mutter Glass in einem alten Haus am Rande einer Kleinstadt. Zu den Leuten in ihrer Umgebung und zu den Mitschülern haben sie wenig Kontakt. Vor allem Dianne leidet als Kind unter dieser Ausgrenzung. Die Schuld daran trägt in ihren Augen die Mutter mit ihrem unangepassten Lebensstil und ihren Männergeschichten. Phil merkt, dass zwischen Mutter und Schwester etwas nicht stimmt, aber beide schweigen. Das ist einer der Steine, die Phil aus dem Weg räumen muss auf dem Weg zum Erwachsen-Sein. Jahre später erzählt ihm Dianne, dass sie Glass, als diese wieder schwanger war, Belladonna in den Tee gemischt hat, woraufhin die Mutter eine Totgeburt erlitt. Sie hätte nicht gewollt, dass noch ein Kind unter der Ausgrenzung zu leiden habe.

Dann ist da noch Nicholas, der Neue in der Schulklasse. Phil verliebt sich unsterblich in ihn, aber die Geborgenheit und Nähe, die Phil sucht, findet er bei ihm nicht. Als er Nicholas eines Tages beim Sex mit seiner Freundin Kat sieht, sucht er Rat bei Tereza. Die sagt ihm, dass er nicht immer nur Zuschauer bleiben dürfe, sondern sein Leben aktiv in die Hand nehmen müsse, um seinen inneren Kompass, seine Mitte der Welt zu finden. Am Ende geht Phil mit dem Seefahrer Gable, dem Cousin seiner Mutter, nach Amerika, um seinen Vater zu suchen, die Nummer 3 in der Liste der Männerbeziehungen seiner Mutter. Noch so etwas, an dem er immer zu kauen hatte. Erst kurz vor der Abreise nach Amerika verrät Glass ihm den Namen von Nummer 3.

Die Geschichte von Phil und seiner Familie wird filmisch in Sequenzen aus kurzen Szenen und Rückblenden erzählt, in denen Phil, Dianne und Nicholas von jüngeren Darstellern gespielt werden. Die Indie-Folk-inspirierte Musik von Sarah Taylor Ellis geht Hand in Hand mit den schnellen Szenen-, Orts- und Stimmungswechseln und ändert sich oft innerhalb einer einzigen Nummer. Songs im gewohnten Sinn, also abgeschlossene Solonummern eines Charakters, sind selten. Es gibt auch keinen Star, keinen Helden, der alle überstrahlt. Phil ist zwar die Hauptfigur mit den meisten Anteilen an Dialog und Musik – im Roman ist er der Ich-Erzähler –, aber seine Geschichte spielt sich eher in seinem Inneren ab. Und auch die anderen Figuren haben ihre Probleme und Geheimnisse.

Die Uraufführung ist ein Ensemblestück, zugeschnitten auf die spielfreudige, hochengagierte Musicalcompany des Landestheaters Linz, das diese Adaption des bekannten Jugendbuchs in Auftrag gegeben hat. Die BlackBox, Studiobühne des Musiktheaters, mit Platz für maximal 270 Zuschauer ist dafür der ideale Ort. Die runde Bühne mit Stegen nach hinten für Auftritte und Abgänge ist der zentrale Spielort, aber nicht der einzige. Die Darsteller agieren in Karoline Gables Inszenierung im ganzen Theaterraum: auf und neben der Bühne, in den Gängen zwischen den Zuschauerreihen, auf einer Empore im Hintergrund. Ein paar Requisiten und Kostüme aus dem Second-Hand-Shop genügen, um Schauplätze und Situationen anzudeuten und die Personen zu charakterisieren: wenig Aufwand, große Wirkung (Ausstattung: Eleanor Bull). Gut vorstellbar, dass man Phils Geschichte in absehbarer Zeit auch anderswo im deutschsprachigen Raum erleben wird – zu wünschen wäre es ihr.


Musikalische Leitung: Raban Brunner • Regie: Karoline Gable • Choreografie: Hannah Moana Paul • Ausstattung: Eleanor Bull • Licht: Raphaël-Aaron Moss • Mit: Lukas Sandmann (Phil), Patrizia Unger (Dianne), Sanne Mieloo (Glass), Elvin Karakurt (Kat), Fabian Koller (Nicholas), Astrid Nowak (Tereza), Lynsey Thurgar (Pascal), Christian Fröhlich (Gable), David Rodriguez-Yanez (Michael), Antonin Stamm (Kleiner Phil), Muriel Sophie Nova (Kleine Dianne), Moritz Schmuckermayr (Kleiner Nicholas) • The Off-Center-Orchestra

Aufmacherfoto: Reinhard Winkler

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