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Sherlock Holmes and The 12 Days of Christmas

Neues von Lloyd Webber und Rice

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Venue
Birmingham Rep
by
Andrew Lloyd Webber (Musik)
Humphrey Ker und David Reed (Buch)
Tim Rice (Liedtexte)
Direction
Phillip Breen
World premiere
2025

Ein musikalischer „Sherlock Holmes“-Krimi im Theatermilieu 

Mit Werken wie „Jesus Christ Superstar“ und „Evita“ zählen Andrew Lloyd Webber und Tim Rice zu den bekanntesten Songwriting-Teams der Musicalgeschichte. Umso erstaunlicher, dass ihre neueste Zusammenarbeit bislang kaum wahrgenommen wurde – denn musikalisch knüpft sie hörbar an jene Phase an, die beide zu prägenden Stimmen des Genres machte. „Sherlock Holmes and The 12 Days of Christmas“, das im November im Birmingham Repertory Theatre uraufgeführt wurde, ist zwar kein Musical, sondern ein Schauspiel mit acht eingelegten Songs, die Handschrift von Lloyd Webber und Rice ist jedoch unverkennbar.

Die Idee zu der humoristischen Sherlock-Holmes-Geschichte stammt von Humphrey Ker und David Reed, Mitglieder der britischen Comedy-Truppe „The Penny Dreadfuls“. Ker und Reed sind nicht nur für das Buch verantwortlich, sie verkörpern darüber hinaus die Hauptrollen mit perfektem komödiantischem Timing. Angesiedelt ist der klassische Whodunit im Londoner Theatermilieu: Dort werden West-End-Darsteller von einem Unbekannten ermordet, der dabei den Weihnachtssong „The 12 Days of Christmas“ nachstellt. Sherlock Holmes (Ker) und Dr. Watson (Reed) übernehmen die Ermittlungen und brechen zu einer kuriosen Achterbahnfahrt durch die viktorianische Theaterwelt auf.

Im Laufe des Abends wird die klassische Oper (mit einer herrlich brachialen Parodie von Wagners „Ring“) ebenso aufs Korn genommen wie Lloyd Webbers Musical-Blockbuster oder britische Christmas-Pantos, in deren Tradition das Stück klar verhaftet ist. Dafür sorgt insbesondere Cameron Johnson als wunderbar überzeichnete Pantomime Dame Arthur Stone. Unter der insgesamt enorm spielfreudigen Besetzung sticht zudem Helena Wilson als charismatisch-kecke Athena Faversham heraus, eine Detektivin, die sich ebenfalls der Ermittlung annimmt.

Vor allem auf visueller Ebene zieht die Produktion alle Register: Das Set von Mark Bailey imitiert ein viktorianisches Spielzeugtheater und überzeugt durch seinen Realismus und seine Detailverliebtheit. Philip Breen und Becky Hope-Palmer gelingt es mit ihrer temporeichen Inszenierung hervorragend, die divergenten Komponenten des Abends zu einem runden Stück zusammenzubinden. Krimispannung, jede Menge absurder britischer Humor, mitreißende Musiknummern, Musical-Insiderwitze, aber auch reichlich Emotionen wechseln sich spielerisch ab.

Was die Show von anderen Krimiparodien unterscheidet, ist die hohe Qualität der Musik, die die Darstellerinnen und Darsteller zusammen mit der sechsköpfigen Band unter Leitung von Christopher Mundy mit reichlich Verve darbieten. Bereits in der ohrwurmtauglichen Eröffnungsnummer „Christmas Lights“ setzen Lloyd Webber und Rice den Ton für den Abend: Mit der leichtfüßigen Lobeshymne auf das Londoner Theater schließen die Autoren stilistisch scheinbar mühelos an ihre Jugendwerke an – insbesondere Lloyd Webbers „By Jeeves“ schimmert musikalisch immer wieder durch.

Eine spannende Entscheidung Lloyd Webbers ist es, Material aus seinen Cello-„Variations“ in den Underscore zu integrieren – aus einer der Variationen baut er im zweiten Akt sogar eine ausgedehnte, energetische Ballettsequenz in bester „Song & Dance“-Manier. Musikalischer Höhepunkt des Abends ist Watsons Arie „Houses Are Not Holmes“, eine typische Lloyd-Webber-Ballade mit pathetisch-großen Melodiebögen, die Reed mit ebenso viel Eindringlichkeit wie Ehrlichkeit interpretiert.

Insgesamt ist „Sherlock Holmes and The 12 Days of Christmas“ ein liebevoll gemachter Theaterabend, der mit viel nostalgischem Charme aufwartet und sich selbst nie zu ernst nimmt. Zwar überlagert der Humor die Krimihandlung deutlich, doch glücklicherweise verleiht die Musik dem Abend eine emotionale Tiefe, die positiv überrascht und weit über bloße Parodie hinausgeht. Lloyd Webber und Rice beweisen mit diesem Stück einmal mehr, dass sie auch 60 Jahre nach ihrer ersten gemeinsamen Arbeit ein Songwriting-Dreamteam sind.


Music Supervision: John Rigby • Musikalische Leitung: Christopher Mundy • Regie: Phillip Breen • Co-Regie: Becky Hope-Palmer • Choreografie und Bewegungsregie: Georgina Lamb • Ausstattung: Mark Bailey • Licht: Anna Watson • Sounddesign: Luke Swaffield for Autograph • Kampf-Regie: Renny Krupinski • Illusionen: Chris Fisher und Will Houston • Mit: Susan Harrison (Ernie), Cameron Johnson (Arthur Stone), Margaret Cabourn-Smith (Mrs Hudson), David Reed (Dr. John Watson), Humphrey Ker (Sherlock Holmes), John Kearns (Inspector Lestrade), Helena Wilson (Athena Faversham), Mia Overfield (Clifford), Chomba S. Taulo (Wifford), Andrew Pugsley (Wotan), Christian Andrews (Fafner), Amanda Lindgren (Estella), Deborah Tracey (Queen Victoria)

Aufmacherfoto: Pete Le May

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