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AzzuroTre – Frauke packt aus!

Herrlich schräger Italo-Pop-Trip

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Venue
Landestheater Niederbayern
by
Stefan Tilch (Buch)
Direction
Stefan Tilch
World premiere
2026

I Dolci Signori liefern die sonnige Klangkulisse für „AzzuroTre“

Der Winter hat das Bayernland fest im Griff, da kommt ein Kurztrip gen Bella Italia gerade recht. Dem großen Bibbern wirkt das Ensemble der neuen Italo‑Pop‑Revue von Stefan Tilch und I Dolci Signori mit italienischem Charme entgegen: Die fulminante Uraufführung reißt das Publikum mit vielen Italo-Popklassikern aus der Winterstarre.

Die dritte Auflage der Reise – auf „Azzurro“ folgte bereits „AzzurroDue“ – hält, nebst mediterraner Leichtigkeit, einige schräge Überraschungsmomente bereit. Ansonsten bleibt sie ihrem Erfolgsrezept treu: „Musica, Passione, Emozioni!“. Intendant und Regisseur Tilch schickt seine Figuren auf eine neue Reise zwischen Fernweh und Alltagschaos, zwischen Ruhrpott und Italia. Aufgrund der mittlerweile reparaturanfällig gewordenen Vespa muss allerdings auf ein, wie sich bald zeigt, nicht weniger marodes Reisemittel umgestiegen werden: die Deutsche Bahn. Auf dem abenteuerlichen Trip von Gelsenkirchen nach Bibione und Straßburg mischen sich zu den bereits bekannten, charakterstarken Figuren um das italienisch-deutsche Liebespaar Rocky und Frauke (Mutti Brigitte, Papa, Traumschiffkapitän, Mamma Maria und Nonno) ein paar neue, nicht weniger Paradiesvogel-artige Individuen.

In einigen Belangen treten Kirsten Schneider als Frauke und ihr geliebter Rocky (Rocky Verardo) auf der Stelle – so herrscht finanziell mal wieder Ebbe. Frauke aber kommt mit einer Super-Erfindung um die Ecke, die sie groß rausbringen will: Die „Kältepumpe“ soll aus dem europäischen Winter „die ganz große Klimaanlage“ machen. Das gute Stück will sie in heißere Gefilde verkaufen. Weil Vermarktung wiederum kostet, soll Rocky mit Freund Gianni (Arcangelo Vigneri) erst mal 30.000 Euro Siegerprämie beim Megazambabumbabumba-Konzert in Bibione klarmachen.

Auch in Sachen anhaltender Mondsucht tritt Frauke am Fleck. Therapie kostet bekanntlich, besonders bei einer Koryphäe, nämlich der in Straßburg praktizierenden Diplom-Psychotante Ulla Sauerkraut‑Levèvre – allein der Name spricht Bände. Mit gepacktem Rucksack und erklärtem Ziel wird sich, nicht ohne Abschiedsschmerz, auf den jeweiligen (Interrailticket-) Weg gemacht. Versehentlich vertauschte Handys, unerwartete Zwischenstopps im alpenländischen Nirgendwo ohne Schienenersatzverkehrslösung, absonderliche Begegnungen mit Schuhplattl-Einsätzen und ohrenbetäubenden Juchzern sowie eine seltsame, Flatulenzen entfesselnde „Kasverkoschtung“ in Tirol: Auf der Bühne rührt sich ordentlich was, Rollen werden im Minutentakt getauscht.

Auf der anderen Schiene hat Frauke mit ihrem Heino-Trauma à la „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ zu kämpfen – und einem französischen Mitreisenden mit Fistelstimme, der alles besser weiß.

Entlang der etwas irren Rahmenhandlung hangeln sich Ensemble und die hervorragend musizierenden Signori – mal in der Kulisse versteckt, dann wieder als Mitspieler sichtbar – mit stets passenden Hits von „Più bella cosa“ über „Azzurro“ bis „Ti amo“ durch den Abend. Den umwerfenden Stimmen, besonders von Kirsten Schneider und Rocky Verardo, stehen die gelungenen Auftritte der bis ins Kleinste herausgearbeiteten Charakterköpfe in detailreich verzierten Kostümen (Dana Dessau) gegenüber. Zum Brüllen komisch, wie Johann Anzenberger mal die Tee schlürfende, hochesoterische Lebensversteherin Sauerkraut‑Levèvre gibt, dann eine ausgeflippte Fan-Tussi auf Cappuccino-Droge, um am Ende als Mamma Maria überdimensionierte Brüste unterm Kittel zu schwingen.

Das Publikum geht voll mit, Tanz- und Mitsinganleitung gibt es inklusive. Nach so manchem Grande Dramma ist man erleichtert, dass am Ende doch alles zusammenkommt, was zusammengehört, auch die geliebte Famiglia auf der reparierten Vespa ist wiedervereint. Vielleicht nicht gerade mondsüchtig, dafür aber beziehungsgestärkt sonnt sich das gesamte Ensemble im wärmenden Applaus. Der Sommer kann kommen.


Regie: Stefan Tilch • Choreografie: Sunny Prasch • Ausstattung: Dorothee Schumacher und Lutz Kemper • Kostüme: Dana Dessau • Sounddesign: Georg Lehner und Mathias Schabow • Mit: Rocky Verardo (Rocky u.a.), Kirsten Schneider (Frauke u.a.), Johann Anzenberger (Mutti Brigitte/Dipl.-Psych. Ulla Sauerkraut-Levèvre u.a.), Arcangelo Vigneri (Gianni u.a.), Richie Necker (Oppa u.a.), Uli Zrenner Wolkenstein (Onkel Heinz u.a.), Michael Thomas (Nachbar Pascal u.a.), Bernd Meyer (Papa u.a.) • I Dolci Signori

Aufmacherfoto: Landestheater Niederbayern/Peter Litvai

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