
Karl Mays „Buschgespenst“ in starker Musical-Form
„Das Buschgespenst“ ist keine Geistergeschichte und ab sofort eine ernstzunehmende Alternative zu Frank Wildhorns gefeiertem Musical „Der Graf von Monte Christo“, dessen Quellenroman von Alexandre Dumas dem Älteren für Karl Mays erzgebirgische Kolportageromane ein Vorbild war. Zur Uraufführung auf der Naturbühne Greifensteine zerfließt der Applaus im riesigen Areal bei Ehrenfriedersdorf etwas, ist allerdings groß und ausdauernd. Auf den langen Holzsitzbänken des imposanten Freilichttheaters ist es zu den Aufführungen des Erzgebirgischen Theaters nie ganz voll, weil es mehr Plätze gibt, als für die zugelassenen 999 Zuschauer nötig sind.
Das Folklore-Idyll auf der oft mutig dunklen Bühne unter dem nachtblauen Himmel trügt. Denn Trachten, Kluften und Brauchtum überlagern in der Ausstattung von Martin Scherm harte, oft lebensgefährliche Arbeit und allzu kargen Lohn. In der Adaption von Birgit Simmler (Buch und Liedtexte) gibt sich der in der Sache „Buschgespenst“ ermittelnde Privatdetektiv Franz Arndt selbst als frühere Frau des Manufaktur-Inhabers Martin Seidelmann zu erkennen. Franziska/Franz wurde von Seidelmanns zweiter Frau Sophie brutal entfernt. Diese ließ einen leeren Sarg beerdigen und gab danach Fritz, den kleinen Sohn der abgetauchten Franziska, als den ihren aus. Eine eiskalte Kanaille unter der Krinoline ist dieser „Weibsteufel“ Sophie (Bettina Grothkopf). Sigalit Feig agiert in der komplexen und gegen Ende überraschenden Partie der Franziska mit der Intensität eines psychologischen Kammerspiels.
Annika Steinkamp ist als „Engelchen“ Angelika das keineswegs passiv blonde Wesen unter blütenweißer Arbeitsschürze, sondern bietet allen kräftig Paroli. Eindimensional wirkt eher ihr Lover Eduard Hauser; Marc Trojan spielt die holzgeschnitzte Starre des armen Webers, der unter die Schmuggler geht und von der Polizei entdeckt wird, entsprechend aus. Chris Green gibt Fritz als einen in die Industrie-Diaspora verschlagenen Salon-Melancholiker. Eher zurückhaltend zeigt sich das auch am Vater Martin Seidelmann, der durch den sonoren Dialog-Duktus von László Varga ebenso wenig ein typisch kapitalistischer Finanzmogul ist.
Zsófia Szabó gestaltet die Mühlenbesitzerin Wilhelmine in koboldhafter Leichtigkeit. Und es geht ein Raunen durchs Publikum, wenn die langjährige Ensemble-Granate Leander de Marel als Schachtmeister Laube das Wort ergreift. Das Bewegungsensemble und die Komparserie (Choreografie: Susi Žanić) sowie der Opernchor (Leitung: Kristina Pernat Ščančar) durchlaufen eine Vielzahl von Aufgaben. Äußerst gelungen bewältigt Jan Holtappels in seiner Personenregie den heiklen Spagat zwischen prägnanter Stärke der Bewegungen und dem gelungenen Feinschliff an den Texten. Was wichtig ist, denn in dieser Adaption gibt es für ein neues Musical ungewöhnlich viele Dialoge. Der regionale Großerfolg des Stoffs hat seine Wurzeln in einem Karl-May-Bild, mit dem die DDR gegen dessen West-Image zwischen „Winnetou“ und „Wildem Kurdistan“ rebellierte und dafür den kantigen May als Sozialismus-tauglichen Heimatautor inthronisierte – mit Nachwirkungen bis zu den Greifenstein-Festspielen 2026.
Als Einpeitscher und Rausschmeißer lässt der bemerkenswert gekonnt vorgehende Komponist Ben Toth die Steigerhymne „Glück auf!“ mit trügerischer Helle schmettern. Für das breite Musical-Publikum haben sicher das Terzett, in dem zwischen Angelika, Eduard und Fritz die emotionalen Karten gemischt werden, und die Songs der quecksilbrigen Wilhelmine die besten Erfolgschancen. Die scharfen Kontraste von Sprechgesang und sinnfälligen Melodien im Arrangement von Markus Syperek und unter der musikalischen Leitung von Markus Teichler machen neugierig darauf, wie dieses Musical in einem geschlossenen Saal klingen wird. Mit der Theater-Zeitreise „Sonnensucher – Vom Berggeschrey zur Wismut“ setzt Regisseur Holtappels ab Januar 2027 seine ungewöhnlichen Auseinandersetzungen mit dem erzgebirgischen Bergbau fort.
Musikalische Leitung: Markus Teichler • Regie: Jan Holtappels • Ausstattung: Martin Scherm • Choreografie: Susi Žanić • Chorleitung: Kristina Pernat Ščančar • Dramaturgie: Lür Jaenike • Mit: Sigalit Feig (Franz Arndt), Annika Steinkamp (Angelika „Engelchen“ Hofmann), Marc Trojan (Eduard Hauser), László Varga (Martin Seidelmann), Bettina Grothkopf (Sophie Seidelmann), Chris Green (Fritz), Zsófia Szabó (Wilhelmine), Angus Simmons (Kommissar Karl), Bridgette Brothers (Frieda Hofmann), Lukáš Šimonov (Hundejunge Schulze), Leander de Marel (Schachtmeister Laube), Marcin Jakub Ciesielczuk (Schachtarbeiter u.a.), Amelie Hadlich (Kind) • Band, Opernchor, Bewegungsensemble und Kleindarstellende des Eduard-von-Winterstein-Theaters
Aufmacherfoto: Photoron – Ronny Küttner




