2026 09 03 19 57 39 | MUSICAL TODAY

Der Besuch der alten Dame – Das Musical

Güllen liefert, Gropp glänzt

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Venue
Serotonez Entertainment (Burghof Lörrach)
by
Moritz Schneider und Michael Reed (Musik)
Christian Struppeck (Buch)
Wolfgang Hofer (Liedtexte)
Direction
Kevin Somlo
World premiere
2013

Dürrenmatts Klassiker „Der Besuch der alten Dame“ im Dreiländereck

Serotonez Entertainment wagt sich mit Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ an einen der bekanntesten Stoffe der Schweizer Literatur. Im Burghof Lörrach feiert die Produktion ihre deutsch-schweizerische Indoor-Premiere, nur einen Katzensprung von Basel entfernt, wo Regisseur, Choreograf und Produzent Kevin Somlo mit seinem Team zuhause ist. Nach der Uraufführung 2013 bei den Thunerseespielen und der Wiener Fassung im Ronacher bringt Somlo das Musical nun ins Dreiländereck.

„Der Besuch der alten Dame“ steht und fällt mit seiner Hauptdarstellerin. Ronja Gropp wird diesem Anspruch mehr als gerecht und trägt den Abend mit beeindruckender Stimmgewalt; das Stück lebt vor allem von ihr, die alles überstrahlt. Sie verkörpert Claire Zachanassian mit einer beeindruckenden stimmlichen Klasse – ihre Range reicht mühelos von der Tiefe bis in die Höhe, ihre Bühnenpräsenz fesselt in jeder Szene, sie überzeugt auf ganzer Länge. Michel Ruchti als Alfred Ill braucht neben ihr etwas Anlaufzeit, gewinnt aber in den Duetten mit Gropp deutlich an Format: „Liebe endet nie“ wird zum absoluten Höhepunkt der beiden.

Sarah Zibung setzt als Mathilde Ill mit warmer und ausdrucksstarker Stimmfarbe eigene Akzente, Simon Frädrich liefert als Bürgermeister eine überzeugende Gesamtleistung. Executive Producer Naris Schnegg steht auch selbst auf der Bühne, wo er als Polizist mit seiner angenehm dunklen und klangvollen Stimme punktet. Und das Ensemble glänzt im Chor: Die Harmonien zu Beginn sitzen und auch die Quartette zwischen Claire, Alfred und ihren jüngeren Alter Egos, gespielt von Elischeva Sigg und Noah Stebler, gelingen gesanglich hervorragend.

Kevin Somlo verantwortet neben Regie und Produktion auch die Choreografie. Seine Nummern sind originell und auf die Stärken des Ensembles zugeschnitten. In bester Erinnerung bleibt eine Choreo, in der sich das Ensemble in Regenpelerinen, Gummistiefeln und mit Stirnlampen und Heugabeln ausgerüstet die Seele aus dem Leib tanzt. Auch die Revuenummer „Tempel der Moral“ – die sogenannten Passionsspiele von Güllen – überzeugt. Die Live-Geburt auf der Bühne ist humorvoll inszeniert, tänzerische Glanzlichter setzen Valentin Mandiev und Simeone Geniale.

Bei der Inszenierung gibt es stellenweise noch Luft nach oben. Der Altersunterschied zwischen Claire und Alfred wirkt optisch deutlich zu groß. Hier könnten Kostüm und Maske Alfred altern lassen, um die Geschichte des einstigen Liebespaars glaubwürdiger zu gestalten. Auch das Dialogtempo dürfte an manchen Stellen etwas anziehen.

Die Kostüme (Ursula Roth) und das Maskenbild (Valeria Hammerlain) sind besonders bei Claire ausgezeichnet auf die Figur zugeschnitten. Die Bodyguards Toby, Roby und Loby stechen in Grün, Blau und Rot heraus, in dieser Produktion stimmig dargestellt von drei Frauen. Die goldene Papierschlangen-Explosion zu Beginn und die kleinen Feuerwerke im Verlauf des Abends setzen gelungene Akzente. Finn Börners Bühnenbild ist detailreich und wirkt manchmal etwas überladen. Hier wäre weniger mehr gewesen. In der Schlussszene findet es zu einer Klarheit, die dem gesamten Abend gutgetan hätte.

Lorenzo Scrinzi dirigiert das zwölfköpfige Live-Orchester, das eine speziell für diese Produktion angepasste Version der Partitur von Moritz Schneider und Michael Reed mit viel Verve intoniert. Es ist erfreulich, dass Serotonez Entertainment den Mut hatte, dieses ebenso anspruchsvolle und tiefgründige wie eingängig vertonte Stück aufzuführen. Die Spielleidenschaft des gesamten Ensembles tut das ihre dazu, das Premierenpublikum mitzureißen.


Musikalische Leitung: Lorenzo Scrinzi • Regie und Choreografie: Kevin Somlo • Bühne und Licht: Finn Börner • Kostüme: Ursula Roth • Maske: Valeria Hammerlain • Sound Supervision: Timothy Ferns • Audio Operation: William Hudson • Chorleitung: Nadine Grumbach und Daniela Hotz • Mit: Ronja Gropp (Claire Zachanassian), Michel Ruchti (Alfred Ill), Sarah Zibung (Mathilde Ill), Simon Frädrich (Der Bürgermeister), Simon Wyss (Der Pfarrer), Tobias Huber (Der Lehrer), Naris Schnegg (Der Polizist), Vanessa Walliser (Toby/Bodyguard 1), Ramona Stenz (Roby/Bodyguard 2), Leony Malthaner (Loby/Bodyguard 3), Nadine Michel (Julia Ill), Simeone Geniale (Niklas Ill), Elischeva Sigg (Junge Claire), Noah Stebler (Junger Alfred) u.a.

Aufmacherfoto: Naris Schnegg

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