
Das Kultmusical „The Sound of Music“ in einer intelligenten Neubearbeitung
SRichard Rodgers und Oscar Hammerstein II, Amerikas wohl erfolgreichstes Musicalgespann, eroberten 1959 mit ihrem letzten gemeinsamen Werk „The Sound of Music“ noch einmal den Broadway: 1.443 Vorstellungen ensuite standen zu Buche, am Londoner West End waren es 1961 stolze 2.385. Die Verfilmung von 1965 verdrängte „Vom Winde verweht“ vom ersten Platz der erfolgreichsten Filme aller Zeiten und wurde erst 1972 von „Der Pate“ abgelöst. In Deutschland konnten weder das Bühnenmusical noch seine Leinwandadaption Fuß fassen. Der Flop der Filmversion allerdings erstaunte, war doch die deutsche Erstverfilmung des Stoffes („Die Trapp-Familie“ von 1956) ein wahrer Blockbuster gewesen. Der Schuldige war schnell gefunden: Der Deutschlandchef des US-Filmverleihs hatte in der Pause das Wort „Ende“ einblenden lassen und die deutsche Version somit nicht nur um 45 Minuten gekürzt, sondern auch aller politischen Brisanz beraubt.
Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte bekommt nun in der Neubearbeitung des Intendanten der Staufer Festspiele, Alexander Warmbrunn, die ihr gebührende Wertschätzung. Ohne jede Aufdringlichkeit setzt er die auf die aktuelle politische Lage im Land verweisenden Momente in Szene, sodass einem bei aller emotionaler Berührung auch manchmal ein Kloß im Halse stecken bleibt. Die lebensfrohe, junge Novizin Maria wird von ihrer Oberin beurlaubt und als Erzieherin ins Schloss des verwitweten Kapitäns Georg von Trapp und seiner sieben Kinder geschickt. Maria gewinnt die Zuneigung der Kinder und Georgs Liebe. Als kurz nach ihrer Hochzeit Österreich ans Dritte Reich angeschlossen wird und Georg den Einberufungsbefehl erhält, flieht die Familie – die mittlerweile auch mit Heimatliedern als Chor auftritt – über die Berge in die Freiheit …
Dass die Sentimentalität nie in Kitsch umschlägt, liegt vor allem an Warmbrunns schnörkelloser und stilsicherer Inszenierung und seiner präzisen Schauspielführung, die, unterstützt von der unspektakulären, geradezu organisch wirkenden Choreografie von Marga Render, wie aus einem Guss daherkommt. Diese Perfektion ist mit einem Hauch beiläufigen Humors und unaufdringlichen Emotionen überzogen, die umso stärker berühren, weil sie Gefühle ansprechen, die viele schon erfahren haben und nach denen man sich sehnt: die Zuneigung der Eltern, die erste Liebe, das Zusammenfinden einer neuen Familie.
Zu einer Familie sind im 20. Jahr ihres Bestehens auch die Staufer Festspiele zusammengewachsen, die einst in einem Zelt begonnen hatten und nun in der Stadthalle Göppingen ihr neues Zuhause gefunden haben. Ein Glücksfall, den vor allem Bühnenbildner Gregor Eisenmann mit seinem genialen Mix aus Kulissen und Videoprojektionen zu atmosphärisch dichten Bildern nutzt. David Albert belebt diese Tableaux mit seinem stimmungsvollen Lichtdesign genauso wie Michaela Kirn mit ihren stilechten Kostümen.
So schaffen sie jenen Raum, in dem das spielfreudige Ensemble aus Profi-Schauspielern und Laien-Darstellern – die an der frisch gegründeten Festspiel-Nachwuchsakademie an Gesang, Schauspiel und Tanz herangeführt werden – glänzen kann. Vor allem das frische, ungekünstelte Spiel der sieben Trapp-Kinder hallt noch lange nach; auch, weil Vanessa Maria Looss (Maria) und Erwin Belakowitsch (Georg) es verstehen, mit ihnen auf Augenhöhe zu singen und zu spielen. Sophie Klußmann brilliert mit ihrem engelhaften Sopran als verständnisvolle Oberin, Karin Schroeder gibt schlagfertig Trapps Haushälterin, Hans Piesbergen wunderbar windig den Hausfreund Max. Ein schauspielerisches Kabinettstück steuert Uwe-Peter Spinner als fieser Nazi bei. Und Silvia Passera spielt mit Grandezza jene Adlige, die den Platz im Herzen des Kapitäns an eine Nonne abtreten muss.
Das musikalische Sahnehäubchen erhält die Produktion mit dem von Michael Mader dirigierten, aus jungen, nationalen und internationalen Musikstudenten bestehenden 24-köpfigen Orchester.
Musikalische Leitung: Michael Mader • Regie: Alexander Warmbrunn • Choreografie: Marga Render • Bühne und Video: Gregor Eisenmann • Kostüme: Michaela Kirn • Licht: David Albert • Chorleitung: Gabriele Grabinger • Mit: Vanessa Maria Looss (Maria), Erwin Belakowitsch (Kapitän von Trapp), Sophie Klußmann (Mutter Oberin), Karin Schroeder (Frau Schmidt), Silvia Passera (Elsa von Schrader), Hans Piesbergen (Max Detweiler), Uwe-Peter Spinner (Herr Zeller), Marius Hubel (Admiral von Schreiber), Raphael Luca (Rolf Gruber), Sonia Pentelescu (Liesl von Trapp), Mia-Marie Schmid (Friedrich von Trapp), Johanna Gabosch (Louisa von Trapp), Jonathan Metzger (Kurt von Trapp), Doreen Rohland (Brigitta von Trapp), Letizia Tabert (Marta von Trapp), Laura Metzger (Gretl von Trapp) • Orchester und Chor der Staufer Festspiele
Aufmacherfoto: Stefan Christmann




