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Jesus Christ Superstar

So muss Rockoper klingen!

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Venue
Bühnen Bern
by
Andrew Lloyd Webber (Musik)
Tim Rice (Liedtexte)
Direction
Tomo Sugao
World premiere
1971

Neue Maßstäbe für „Jesus Christ Superstar“

„Jesus Christ Superstar“ kennt man. Doch so, wie Webber und Rice es als Rockoper mit großem Orchester konzipierten, erlebt man es selten. Die Bühnen Bern bieten genau das und es ist der Hammer!

Was an diesem Abend erklingt, ist die größte verfügbare Version des Werks. Das 39-köpfige Berner Symphonieorchester unter Leitung von Hans Christoph Bünger meistert die Symbiose unterschiedlicher Stile perfekt. Das Herzstück bleibt die Rockband mit ihrem Groove und den unvergleichlichen E-Gitarrenriffs. Das Orchester bringt zusätzliche Spannungsbögen und Emotionalität ein, die gerade in den Balladen unter die Haut gehen. Speziell an diesem Stück: Die Noten geben nur den Rahmen vor, die Sänger dürfen sich rhythmisch frei darüber bewegen. In Bern wird dies von den drei Hauptfiguren eindrücklich eingelöst.

Regisseur Tomo Sugao holt die Handlung ins Jetzt. Er arbeitet mit rhythmischen Akzenten, perfekt auf den Punkt gesetzt. Die Übergänge sind mal fließend, mal fast brutal in ihrer Abruptheit. Bei Jesus’ Gesangspassagen werden gezielt Slow-Motion und Freezes eingesetzt und machen seine Entrücktheit und Schicksalsergebenheit deutlich spürbar. Co-Regisseurin Tabatha McFadyen bindet ihre Choreografien in unterschiedlichsten Stilen ins Geschehen ein: allgegenwärtig, akzentuiert und sehr abwechslungsreich.

Bei solch wuchtiger Musik braucht es ein Ensemble, das stimmlich mithalten kann. Das tut es, und wie! Auch darstellerisch agieren die drei Hauptrollen auf höchstem Niveau. Allen Marchioni als Judas besitzt eine unglaublich wandelbare Stimme mit einem ganz eigenen, unverwechselbaren Vibrato. Seine Interpretationen sind beeindruckend, seine Bühnenpräsenz mitreißend. Tyce Green als Jesus überzeugt mit rockiger, klarer und eindringlicher Stimme; bei den Belts in „Gethsemane“ muss er an sein Limit. Anastasia Troska als Mary Magdalene hat etwas wunderschön Kratzig-Rockiges in ihrer Stimme und ist der Fels in der Brandung. Alle drei meistern den unfassbaren stimmlichen Umfang der Partitur mit Bravour.

György Antalffy setzt als Caiaphas mit machtvoller Bassstimme starke Akzente. Und dann ist da Marc Clear als King Herod: In goldglitzerndem Outfit, orange-blonden Haaren und überdimensioniertem Ego inszeniert er sich als Karikatur eines Machthabers. Dass die Ähnlichkeit mit einer lebenden Person nicht völlig zufällig ist, darf wohl angenommen werden. Chor und Extrachor der Bühnen Bern unter Leitung von Zsolt Czetner tragen das Stück mit und zeigen, dass sie auch dieses Genre beherrschen.

Das Bühnenbild von Momme Hinrichs beginnt bereits, bevor sich der Vorhang hebt: Eine Videoprojektion führt hinaus in die Wüste zu einem Gebäude, eingezäunt mit Stacheldraht. Dann öffnet sich der Vorhang auf einen nüchternen Warteraum mit orangefarbenen Stühlen und einem roten Cola-Automaten. Die Möglichkeiten der modernen Bühne werden optimal ausgeschöpft: Sie fährt hoch und gibt den Blick auf die Kellerszenen frei, ein großer Bühnenblock schiebt sich von links herein, der Wirkungsort der Hohepriester in ihrem abgeschotteten Machtbereich. Alles nüchtern, aber raffiniert.

Die Kostüme von Gisa Kuhn sind authentisch: Hellblau und erdige Töne dominieren im Volk, die Priester grenzen sich in schwarzen Anzügen mit weißen Hemden ab. In den Showszenen mit Revue-Girls und Cheerleadern glitzert alles um die Wette. Jonas Bühlers Licht setzt präzise Akzente ohne Schnörkel. Besonders gelungen sind zwei Scheinwerfer, die übers Publikum gleiten und stumm zu fragen scheinen: Wie hättest Du Dich verhalten? Das Schlussbild ist von stiller Schönheit: Maria steht neben dem gekreuzigten Jesus und blickt ins Ödland. Eine letzte, leise Geste der Hoffnung? Das Bild verblasst zu Schwarz-Weiß, das Licht erlischt abrupt, der Vorhang fällt.

Wer die Gelegenheit hat, diese Produktion zu sehen, sollte sie nicht verpassen: ein wuchtiges Rockkonzert, durchwoben mit der Passionsgeschichte. Auch Webber und Rice hätten sicherlich ihre Freude an dieser Version.


Musikalische Leitung: Hans Christoph Bünger • Regie: Tomo Sugao • Co-Regie und Choreografie: Tabatha McFadyen • Bühne und Video: Momme Hinrichs • Kostüme: Gisa Kuhn • Licht: Jonas Bühler • Chorleitung: Zsolt Czetner • Dramaturgie: Rebekka Meyer • Mit: Tyce Green (Jesus Christ), Allen Marchioni (Judas Iscariot), Anastasia Troska (Mary Magdalene), Til Ormeloh (Pontius Pilate), Marc Clear (King Herod), György Antalffy (Caiaphas), Carlos Nogueira (Annas), Andrés del Castillo (Priest), Angela H. Fischer (Priest), Kai Wegner (Priest), Malcolm Henry (Peter), Wolfram Föppl (Simon Zealotes) u.a. • Chor und Extrachor der Bühnen Bern • Berner Symphonieorchester

Aufmacherfoto: Rob Lewis

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