
Beste Laune mit dem „Mann, der Sherlock Holmes war“
Zwar boomt in London das Verbrechen, doch die etwas unbedarften Detektive Morris Flynn und Mackie McMacpherson können aus der Lage keinen Profit schlagen. Sie beschließen kurzerhand, sich zu verkleiden, um anschließend als Promi-Duo ganz groß rauszukommen. Das klappt wie am Schnürchen. In der typischen Garderobe von Sherlock Holmes und Dr. Watson stoppen sie einen Nachtzug auf offener Strecke, werden sofort von Passagieren und Personal hofiert, reisen zur Weltausstellung nach Brüssel und tummeln sich fortan in allerfeinster Gesellschaft mit spendablen Aufträgen, inklusive der Suche nach der berühmten „Blauen Mauritius“-Briefmarke.
„Der Mann, der Sherlock Holmes war“ ist ein prächtiger Stoff für feinste Unterhaltung, den die UFA 1937 mit Hans Albers und Heinz Rühmann in den Hauptrollen zum Kassenschlager machte. 2009 destillierten Komponist Marc Schubring und Wolfgang Adenberg (Buch/Liedtexte) auf Bestellung der Staatsoperette Dresden aus der Vorlage das gleichnamige Musical, aktuell zu sehen im Harztheater Halberstadt in einer spritzig-vergnüglichen Inszenierung.
Das Kraftzentrum des Abends bilden Michael Rapke als Morris und der Mackie von Tobias Amadeus Schöner, alias Sherlock Holmes und Dr. Watson, die beiden ikonischen Figuren aus der Literaturschmiede von Sir Arthur Conan Doyle. Ihnen gelingt der Sprung vom öden Alltag an der Themse zum mondänen Treiben im Brüsseler Luxushotel, ganz nach dem bewährten Prinzip „Kleider machen Leute“. Sie verkörpern genau die richtige Mischung aus Noblesse, Distinguiertheit und kriminalistischem Gespür, das sie in Sprint-Geschwindigkeit in illustre Sphären der europäischen Hautevolee katapultiert.
Eine herrlich komische Maskerade mit zwei raffiniert agierenden Hasardeuren gibt es dabei zu bestaunen. Ganz vorn spielt auch die umwerfende Bettina Pierags als verrucht-gerissene Colette Ganymare mit, Grande Dame der Unterwelt: Ihre Rolle gerät zum echten Kabinettstück. Mit manierierter Attitüde, Eros und Charme treibt sie es auf die kriminelle Spitze, navigiert dabei Francisco Huerta und Gijs Nijkamp als dumm-dreiste Hausganoven Jules und Jacques durch ihre sinistren Pläne. Christine Owen (Jane) und Lena Poppe (Mary) geben den Berry-Schwestern den nötigen Pfiff, um die hochstapelnden Detektive ehetechnisch um den Finger zu wickeln.
Holger Potocki versteht sich ausgezeichnet auf flottes Tempo, Kontraste, klar gemeißelte Figuren und vor allem eine fröhlich-ausgelassene Stimmung, denn das Musical möchte in erster Linie mit komödiantischem Esprit amüsieren. Das gelingt, weil die Texte von Wolfgang Adenberg durchweg rund laufen, Witz offenbaren, pointiert sind und Marc Schubrings Partitur alles aufbietet, was die turbulent-verzwickte Geschichte mit Verve vorantreibt. Seine eingängige Musik greift gern zu Swing, mal einem Marsch und manchen Modetänzen des frühen 20. Jahrhunderts, wobei der Tango genau den perfekten Kippelschritt demonstriert, der die beiden Inkognito-Schnüffler so richtig in Fahrt bringt. Eine Steilvorlage für Dirigentin Julija Domaševa, die mit den Harzer Sinfonikern den hitverdächtigen Sound auskostet und entsprechend süffig anschubst. Choreografin Michaela Thiel schöpft ebenfalls genüsslich aus dem Vollen und bewegt das Ensemble bis zum flotten Stepp. Die Ausstattung von Bernhard Bruchhardt arbeitet mit rasch wandelbaren Versatzelementen als optischen Reizen und Kostümen des damaligen Geschmacks. Daraus entsteht eine dichte Atmosphäre.
„Der Mann, der Sherlock Holmes war“ ist fraglos eines der herausragenden Musicals aus deutscher Produktion und Regisseur Potocki nutzt den Rahmen für eine gut getimte, stimmungsvolle Inszenierung, die das Publikum mit starkem Beifall honoriert. Ein paar Einfälle graben sich besonders ein, darunter der umwerfend komische Badetuch-Song von Morris und Mackie mit Ballett-Einlage oder das Defilee in der Eisenbahn. Ein famoser Ohren- und Augenschmaus, der knapp drei Stunden beste Laune garantiert.
Musikalische Leitung: Julija Domaševa • Regie: Holger Potocki • Choreografie: Michaela Thiel • Ausstattung: Bernhard Bruchhardt • Mit: Michael Rapke (Morris Flynn), Tobias Amadeus Schöner (Mackie McMacpherson), Christine Owen (Jane Berry), Lena Poppe (Mary Berry), Bettina Pierags (Colette Ganymare), Gijs Nijkamp (Jacques), Francisco Huerta (Jules) • Opernchor des Harztheaters • Harzer Sinfoniker
Aufmacherfoto: Ray Behringer




