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Wonderful Town

Broadway-Flair mit Bernstein

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Venue
Landestheater Linz
by
Leonard Bernstein (Musik)
Joseph Fields und Jerome Chodorov (Buch)
Betty Comden und Adolph Green (Liedtexte)
Roman Hinze (Deutsche Fassung)
Direction
Felix Seiler
World premiere
1953

„Wonderful Town“ entführt in eine turbulente Großstadtwelt voller Jazz, Ironie und ehrgeiziger Träume

Aus dem Orchestergraben steigt leichter Rauch auf und kräuselt sich in Richtung einer riesigen Fotografie, die eine New-York-typische Straße der 1930er Jahre zeigt. Welcome to the Big Apple: Aus den Kanaldeckeln dampft es, und kaum hebt Tom Bitterlich den Dirigentenstab, schon scheint sich die Tür zu einem trendigen Jazzclub in Greenwich Village zu öffnen. Es swingt und jazzt im Broadway-Stil, die Musiker des Bruckner Orchesters breiten großzügige Crescendi aus, und wohlig versinkt das Publikum in der Musikwelt von Leonard Bernstein. Das Stück stammt von 1953 und zeichnet sich durch schnelle Tempiwechsel, markante Bläserpassagen und die für Bernstein typische Polyrhythmik aus. Humor darf selbstverständlich niemals fehlen, Komponist und Autoren verliehen den einzelnen Charakteren eine ausreichende Portion Ironie.

Die Schwestern Ruth und Eileen verlassen Ohio, um in New York als Schriftstellerin beziehungsweise Schauspielerin ihr Glück zu finden. Schnell merken die wortwitzige Ruth und die hübsche, aber naive Eileen, dass in der Großstadt zahlreiche Stolperfallen warten: geldgierige Vermieter, frustrierte Verleger, erniedrigende Castings, schmierige Männer und Conga tanzende Matrosen aus Brasilien. Doch die beiden geben nicht auf, und nach zwei Akten Chaos und Verwirrung dürfen im letzten Teil die Träume der beiden Landpomeranzen, die sich in New York durchaus tapfer schlagen, hochfliegen: Ruth bekommt eine Stelle als Zeitungsredakteurin und findet die große Liebe, Eileens Showtalent wird endlich entdeckt und man jubelt ihren Gesangskünsten zu.

Der Handlungsstrang bleibt dünn, was bei dem temporeichen Musical aber kaum problematisch ist. Die Liedtexte von Betty Comden und Adolph Green kommen in der deutschen Übersetzung teilweise ein wenig unbeholfen daher, und die Dialoge könnten auch kürzer sein. Der Song „One Hundred Easy Ways to Lose a Man“ zum Beispiel funktioniert auch in der deutschen Bearbeitung von Roman Hinze gut, das Publikum amüsiert sich herzlich. Das Bühnenbild (Hartmut Schörghofer) ist solide, die Choreografie liegt bei Danny Costello in bewährten Händen. Der gebürtige Amerikaner bringt mit rasanten Wechseln und originellen Tanzeinlagen Broadway-Feeling auf die Bretter des Linzer Musiktheaters. Regisseur Felix Seiler führt das spielfreudige Ensemble gut durch das Stück.

Mit den beiden Hauptdarstellerinnen hat er aber auch beste Unterstützung. Insbesondere Sarah Schütz, seit dem Vorjahr Ensemblemitglied des Hauses, ist der Höhepunkt der Show. Die Rolle der Ruth Sherwood hat sie bereits an der Wiener Volksoper und in Dresden interpretiert. Sie verkörpert den Blaustrumpf, der für die meisten Männer zu wenig hübsch ist, mit lässiger Eleganz und komischer Mimik, tanzt und singt einsatzfreudig und begeistert. Ihre Ensemblekollegin Patrizia Unger ist eine süße Eileen, die glaubhaft von ihrer Schwester beschützt werden muss, aber das Herz am rechten Fleck hat. Auch Unger überzeugt mit ihrer Stimme – Bernstein hat dieser Rolle einige Koloraturen vorgeschrieben – und mit Tanzschritten.

Gegen die Frauenpower haben es die Männer gar nicht so leicht: Max Niemeyer konnte schon mehr überzeugen und muss als Robert Baker recht hölzern agieren. Sein berührender Song „A Quiet Girl“ kommt in der deutschen Fassung dazu ungelenk über die Bühne. David Rodriguez-Yanez hat als Möchtegern-Footballspieler „The Wreck“ ein paar gute Szenen, der Rest des Ensembles rundet die Gesamtleistung schön ab. Das Publikum goutiert die Vorstellung freundlich.


Musikalische Leitung: Tom Bitterlich • Regie: Felix Seiler • Choreografie: Danny Costello • Bühne: Hartmut Schörghofer • Kostüme: Aleš Valášek • Licht: Michael Grundner • Chorleitung: Elena Pierini • Dramaturgie: Arne Beeker • Mit: Sarah Schütz (Ruth Sherwood), Patrizia Unger (Eileen Sherwood), Max Niemeyer (Robert Baker), Karsten Kenzel (Chick Clark/Rexford), David Rodriguez-Yanez („The Wreck“ Loomis/Danny), Gernot Romic (Frank Lippencott/Reiseleiter/Redakteur), Alfred Rauch (Appopolous/Trent), Cedric Lee Bradley (Speedy Valenti), Joel Parnis (Officer John Lonigan/Mallory/Wachmann), Astrid Nowak (Helen Wade), Lynsey Thurgar (Mrs. Wade), Alexandra-Yoana Alexandrova (Violet), Fabian Koller (Fletcher/Redakteur/Kadett/Cop), Matthew Levick (Stevens/Kadett) u.a. • Chor des Landestheaters Linz • Tanz Linz • Bruckner Orchester Linz

Aufmacherfoto: Herwig Prammer

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