
„Midnight at the Never Get“ verbindet eine queere Liebesgeschichte mit den Anfängen der amerikanischen Gay-Liberation-Bewegung
Zuschauerraum und Bühne der Menier Chocolate Factory sind bei ihrer neuen Produktion kaum wiederzuerkennen: Für „Midnight at the Never Get“ hat Bühnenbildner Scott Pask das kleine Londoner Theater in einen Nachtclub mit Cabaret-Tischen und Sofas statt der üblichen Sitzreihen verwandelt. Diese Raumgestaltung trägt wesentlich zum immersiven Gesamtkonzept bei, das Regisseur David Cromer für Mark Sonnenblicks Kammermusical entwickelt hat.
Schauplatz ist das titelgebende „Never Get“, eine Schwulenbar im Greenwich Village der 1960er Jahre und einer der wenigen Zufluchtsorte für queere New Yorker am Vorabend der Gay-Liberation-Bewegung. Dort erzählt Sänger Trevor Copeland in Form einer Cabaret-Show von seinem Leben und seiner Beziehung mit dem berühmten (fiktiven) Komponisten Arthur Brightman, die diese im Verborgenen leben mussten.
Ben Platt ist eine Idealbesetzung für Trevor, der den Abend mit Unterstützung seines Akkompagnisten nahezu allein tragen muss. Platts ebenso durchdringende wie nuancenreiche Stimme ist wie geschaffen für die Old-School-Nummern des Musicals. Es gelingt ihm durchweg, die subtilen, oft in Sekundenbruchteilen wechselnden Emotionen pointiert und doch natürlich herauszuarbeiten. Auch schauspielerisch wird der Abend für Platt zur Tour de Force: Egal ob es die Verzweiflung über den Verlust der großen Liebe ist oder die unbändige Freude darüber, endlich einmal sein wahres Ich ausleben zu können, Platt reißt das Publikum in dieser emotionalen Achterbahn von der ersten Nummer an mit.
Dass dies glückt, verdankt die Show in großem Maße auch Gregor Milne, der den Abend als Klavierbegleiter beginnt und im Verlauf der Show in die Rolle von Trevors Liebhaber Arthur schlüpft. Dieser feiert mit Liebessongs – eigentlich für Trevor geschrieben, doch in Zeiten queerer Unterdrückung nur mit textlichen Änderungen vermarktbar – große Erfolge, an denen die Beziehung der beiden Männer letztlich zerbricht. Milnes Darstellung ist zurückhaltender als Platts, aber nicht weniger eindringlich. Die beiden ergänzen sich bestens und sorgen dafür, dass die Spannung über die gesamten 100 Minuten nicht abreißt.
„Midnight at the Never Get“ ist jedoch weit mehr als eine tragisch-einfühlsame Liebesgeschichte zwischen zwei Männern. Dadurch, dass Komponist, Texter und Buchautor Mark Sonnenblick („KPop Demon Hunters“) die Handlung im Umfeld der Stonewall Riots ansiedelt, erhält das Musical eine wichtige politische Komponente und wirft zudem spannende Schlaglichter auf die Gay-Liberation-Bewegung: Während Trevor für Sichtbarkeit und Gleichberechtigung kämpfen möchte, entscheidet sich Arthur für ein überangepasstes Leben im Schatten.
Ein weiterer dramaturgischer Kunstgriff besteht darin, den Wahrheitsgehalt von Trevors Rückschau zunehmend anzuzweifeln. Erinnerungslücken, aber auch ein enigmatisches Spiel mit Zeit und Zeitebenen (etwa, wenn einige Nummern wie aus dem Nichts durch eine geisterhafte, sechsköpfige Band unter Leitung von Andrew Resnick begleitet werden) machen das Musical zu einem raffinierten theatralen Kleinod, das permanent zwischen Wahrheit und Trugbild changiert. Zu dieser irritierenden Schwebe trägt auch Barry James’ überraschender Kurzauftritt als alter Trevor bei.
Musikalisch hatte Sonnenblick sichtlich Freude daran, Songs im Stil des Great American Songbook zu schreiben. Diese halten ein gutes Gleichgewicht zwischen komödiantischen und emotionalen Nummern, wobei Optimismus und Herzschmerz oft nah beieinanderliegen. Sonnenblicks Songs sind dabei niemals bloß schmückendes Beiwerk, sondern spiegeln die Entwicklung von Trevor und Arthurs Beziehung mit all ihren Höhen und Tiefen präzise wider. Das Ergebnis ist ein einfühlsames und nachdenklich stimmendes Musical, das eine herzzerreißende Liebesgeschichte mit einem klugen Blick auf die Geschichte der Schwulenbewegung und einer zeitlos aktuellen politischen Botschaft verknüpft.
Music Supervision und Musikalische Leitung: Andrew Resnick • Regie: David Cromer • Choreografie: Lynne Page • Bühne: Scott Pask • Kostüme: Jonathan Lipman • Licht: Heather Gilbert • Sounddesign: Paul Groothius • Mit: Ben Platt (Trevor Copeland), Gregor Milne (Arthur Brightman), Barry James (Alter Trevor)
Aufmacherfoto: Johan Persson




