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Hair

Blumen statt Waffen

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Venue
Konzert und Theater St.Gallen
by
Galt MacDermot (Musik)
Gerome Ragni und James Rado (Liedtexte und Buch)
Nico Rabenald (Deutsche Fassung)
Direction
Krystian Lada
World premiere
1968

„Hair“ in St. Gallen überzeugt mit Bildrausch und einzigartiger Inszenierung

Krystian Ladas Handschrift ist zugleich künstlerisches Meisterwerk und Schwachstelle des Abends. Der Regisseur vereint im Theater St. Gallen Performancekunst, Theater, Film, Schattenspiel und Dokumentarisches zu einem beeindruckenden Gesamtbild. Doch genau hier droht die Gefahr: Die Vielzahl der Stilmittel drängt Figuren, Botschaften und Emotionen an den Rand. Erst in den stillen A-cappella-Momenten von „Let the Sunshine In“ entfaltet sich die Botschaft und rührt zu Tränen.

Rubén Darío Bañol Herreras Videodesign und Live-Kamera-Regie tragen die Inszenierung. Historische Zeitzeugnisse – Vietnamkrieg, Martin Luther King, Nixon, die Draft-Lotterie – werden auf den Szenenvorhang projiziert und versetzen das Publikum in die Sechzigerjahre. Die Übergänge zwischen Film und Theater gelingen elegant: Die Projektionsfläche wird transparent, das Geschehen dahinter nimmt Gestalt an. Noch eindrucksvoller sind die außergewöhnlichen Live-Videos. Herrera isoliert Figuren und projiziert deren Close-ups an die Bühnenwände. Die Bilder brechen sich an der unebenen Oberfläche, die Wirkung ist ungeheuer stark. Der Rausch des Wechselspiels von Film und Theater drückt dieser Inszenierung einen unvergleichlichen Stempel auf.

Sotiris Melanos hat ein unaufdringliches Bühnenbild geschaffen: eine Fabrikhalle, deren asketische Atmosphäre einen Kontrapunkt zur bunten Hippiekultur setzt. Die Bühne reicht über den Orchestergraben hinaus und schafft Nähe zum Publikum. In der hinteren rechten Ecke thront ein zweistöckiger Bau: Oben sitzt die Band, darunter spielen sich Claudes häusliche Szenen ab. Eine fahrbare Treppe setzt Claude und Sheila immer wieder gekonnt in Szene. Der omnipräsente Einkaufswagen mit umgekipptem Fernseher verdeutlicht die Schieflage der Außenwelt. Die Windmaschine beim Titelsong „Hair“ lässt die Mähnen fliegen und schafft ein bleibendes Bild. Wojciech Dziedzic feiert mit seinen Kostümen die Farben- und Musterpracht der Flower-Power-Ära. Haschisch, freie Liebe, viel nackte Haut, Spiritualität und der Kampf gegen das Establishment werden exzessiv zelebriert.

Sich in dieser Reizfülle zu behaupten, ist keine leichte Aufgabe für die Darstellenden. Dante Sáenz als George Berger verfügt über die nötige Bühnenpräsenz. Sein Spiel wechselt zwischen idealistischer Energie und irritierender Verantwortungslosigkeit. Mack Wolz als Aktivistin Sheila Franklin hat Ausstrahlung und hebt sich auch optisch ab: meist in Schwarz, wirkt sie wie ein elitärer Gegenpol zu den bunten Hippies. Maciej Pawlak als Claude Bukowski hat die größte Herausforderung zu meistern: den Spagat zwischen Film und Theater. In den Filmsequenzen ist seine Präsenz sehr eindringlich, im Kollektiv hingegen droht er hin und wieder unterzugehen. Gesanglich überzeugen Wolz und Pawlak besonders in den Höhenlagen mit markanter und sehr eindringlicher Stimmfarbe.

Steffen Gerstle als Woof liefert die ausgewogenste darstellerische und stimmliche Leistung des Abends. Nicholle Cherries warme, samtige Stimme in der Rolle der Ronny setzt Höhepunkte, und Daniel Dodd-Ellis als Hud beeindruckt mit kräftigem Bass. Masengu Kanyinda sorgt als Jeannie mit ihrer Kopfstimme für Gänsehaut. Jess Williams’ Choreografie ist vielschichtig und dient der Erzählung: mal wild und entfesselt, dann entrückt und langsam in den Drogentrips, bis hin zum archaischen Tribal Dance. Unter der Leitung von Tobias Cosler ist die Band pulsierendes Herz und Motor des Abends. Sie spielt die fantastischen und zeitlosen Songs live, roh und mit spürbarer Begeisterung.

Das Theater St. Gallen spart in dieser Produktion nicht an künstlerischen Mitteln. Lada, Cosler und das gesamte Team haben ein eindrückliches Theatererlebnis geschaffen. Auch wenn die zentralen Botschaften im Rausch der Inszenierung oft in den Hintergrund treten, macht das Stück doch nachdenklich und wirkt über den Theaterabend hinaus: Kriegsproteste und der Ruf nach Freiheit und Frieden sind leider gerade wieder aktueller denn je.


Musikalische Leitung: Tobias Cosler • Regie: Krystian Lada • Choreografie: Jess Williams • Bühne: Sotiris Melanos • Kostüme: Wojciech Dziedzic • Licht: Lukas Marian • Videodesign und Live-Video: Rubén Darío Bañol Herrera  • Sounddesign: Marko Siegmeier/Nicolai Gütter-Graf • Mit: Maciej Pawlak (Claude Bukowski), Dante Sáenz (George Berger), Mack Wolz (Sheila Franklin), Masengu Kanyinda (Jeannie), Daniel Dodd-Ellis (Hud), Steffen Gerstle (Woof), Nicholle Cherrie (Ronny), Zakaria Fleury (Crissy), Ivy Quainoo (Dionne) • Hair-Band

Aufmacherfoto: Edyta Dufaj

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