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Wir sind am Leben – Das Berlin Musical

Ich werd’ nicht weinen

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Venue
Stage Theater des Westens
by
Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange (Musik und Liedtexte)
Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck (Buch)
Direction
Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck
World premiere
2026

Mit „Wir sind am Leben“ gelingt ein hochatmosphärisches Stück Zeitgeschichte

Wie erzählt man anhand persönlicher Biografien den gesellschaftlichen Umbruch einer ganzen Epoche? Das neue Berlin-Musical „Wir sind am Leben“ gibt es eindrucksvolles Beispiel. Als wäre der Abend zugleich eine Reminiszenz an die eigene Biografie, muten Peter Plate und Ulf Leo Sommer dem Publikum eine emotionale Achterbahnfahrt zu, vor der man fast gewarnt werden müsste.

Im Zentrum der Handlung stehen die Geschwister Nina (Celina dos Santos) und Mario (Markus Spagl), die kurz nach der Wende ins damals weitgehend anarchische Berlin aufbrechen, um gemeinsam mit Gleichgesinnten ein Leben als Hausbesetzer – und ihre Träume – zu verwirklichen. Mutter Rosi (Steffi Irmen), deren Selbstbild als „Udo Walz des Ostens“ im „Salon Rosie“ in Wittenberg zwischen Größenwahn und Zerfall zunehmend Risse bekommt, wird Teil dieser Kommune. Mit ihr entsteht ein vielschichtiges Ensemble, das das soziale Panorama der Zeit erzählt – darunter auch der berührend fein gezeichnete, an Aids erkrankte Bruno (Jörn-Felix Alt).

Celina dos Santos überzeugt als Nina mit vielschichtiger Präsenz. Ihre Figurenentwicklung wirkt organisch und glaubhaft und ist geprägt von ausdrucksstarker Emotionalität, die nie ins Seichte abgleitet. An einer Reminiszenz an die frühe AnNa R. kommt man dabei auch stimmlich kaum vorbei. Markus Spagl gestaltet seinen Mario zurückhaltender, aber nicht weniger intensiv. Besonders in den leisen Momenten entfaltet er seine stärkste Präsenz. Den „Powerfaktor“ des Abends liefert einmal mehr Steffi Irmen als Rosi, die ihre Klaviatur aus Überzeichnung, Komik und Tragik souverän beherrscht und die extreme Bandbreite der Figur präzise ausbalanciert. Musikalischer Höhepunkt ist das Duett „I.M. Schere“ mit Tochter Nina. Und auch der Humor kommt nicht zu kurz – ein großer Verdienst von Kathi Damerow als Doris Knittel, die ihre Rolle als subtil überzeichnete Esoterik-Tante mit viel komödiantischem Gespür auf den Punkt bringt.

Dass die atmosphärische Dichte trotz der teils überbordenden dramaturgischen Fülle über mehr als drei Stunden erhalten bleibt, ist dem hervorragenden Ensemble als Ganzes zu verdanken. Das Stück entfaltet dadurch einen mitreißenden Charme, der über kleinere dramaturgische Schwächen mühelos hinwegsehen lässt. Vor allem die Szenen der Berliner Subkultur überzeugen durch Authentizität und zeichnen ein lebendiges Bild der frühen 90er Jahre.

Als zentrales Element der Inszenierung ist auch die Choreografie von Jonathan Huor zu nennen, die den Abend maßgeblich prägt. Ihm gelingt eine Bewegungssprache, deren Dynamik gesellschaftliche Zustände spürbar macht und die emotionalen Ebenen der Figuren verstärkt. Gleichzeitig entsteht der Eindruck eines sehr hohen Tempos – stellenweise führt das dazu, dass man von den vielschichtigen Handlungssträngen regelrecht „überfrachtet“ wird. Doch genau darin liegt auch ein Teil des Charmes dieser Produktion – musikalisch klar im Kosmos von Plate/Sommer verankert, auch wenn nicht jede Figur bis ins Detail ausgearbeitet ist. Die Nähe zu Rosenstolz ist durchgehend spürbar und sicher gewollt. Die Songs sind zahlreich und oft hitverdächtig („Supernovadiscoslut“!), melodisch und emotional einprägsam.

Mit „Wir sind am Leben“ ist dem Kreativteam Plate/Sommer/Lange (Buch und Regie: Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck) ein echtes Berliner Kleinod gelungen – ein intensiver, bewegender Abend, den man Berlinerinnen, Berlinern und Gästen gleichermaßen ans Herz legen möchte. Ein Must-see!


Music Supervision: Caspar Hachfeld • Musikalische Leitung: Shay Cohen • Regie: Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck • Choreografie: Jonathan Huor • Bühne: Adam Nee • Kostüme: Ferran Casanova • Licht: Tim Deiling • Sounddesign: Florentin Bierwisch • Videodesign: Edmund Brown nach einem Konzept von Lukas Nimscheck • Mit: Celina dos Santos (Nina Fröhlich), Markus Spagl (Mario Fröhlich), Steffi Irmen (Rosi Fröhlich), Jörn-Felix Alt (Bruno Schwarz aka „Die Dietrich“), Daniel Pohlen (Nando Perrez), Kathi Damerow (Doris Knittel), Johanna Spantzel (Ramona Holzhammer), Nik Breidenbach (Guido Schleicher/Günther Westphal), Lucille-Mareen Mayr (Brigitte Herrmann) u.a. • „Konsum Hoffnung Band“

Aufmacherfoto: Jörn Hartmann

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