Dear Evan Hansen

Briefe an mich selbst

oRT
Musical Frühling in Gmunden
von
Steven Levenson (Buch)
Benj Pasek und Justin Paul (Musik und Gesangstexte)
Regie
Markus Olzinger
Uraufführung
2015

Ergreifende deutschsprachige Erstaufführung von „Dear Evan Hansen“

Sechs Tonys und drei Olivier Awards, ein Grammy, Jubel vom Broadway bis zum West End: Die deutschsprachige Erstaufführung von „Dear Evan Hansen“ wurde heiß herbeigesehnt. Die gute Nachricht vorweg: Mit dem noch jungen Musical Frühling in Gmunden hat genau der richtige Veranstalter den Zuschlag bekommen. Im intimen Rahmen des Stadttheaters mit seinen gerade mal 350 Plätzen zeigt das letztjährige Gewinnerteam des Deutschen Musical Theater Preises ein sensibel ausgeleuchtetes Kammerstück, das einen mit leisen, nach innen gekehrten Gesten der Trauer von der ersten Sekunde an in den Bann zieht.

„In Zeiten wie diesen können wir alle einen Freund brauchen.“ Connor Murphy hat keinen – und begeht Selbstmord. Die Frage nach dem „Warum?“, nach dem „Was hätten wir tun können?“ lässt seine Familie nicht mehr los. In Connors Sachen finden sie einen Brief: „Lieber Evan Hansen, das wird heute ein großartiger Tag und ich sage Dir auch, warum …“ Nur Mitschüler Evan kennt die Wahrheit: Nicht Connor, sondern er selbst hat auf Anraten seines Therapeuten den Brief an sich geschrieben, bevor dieser ihm von Connor weggenommen wurde. Evan fühlt sich einsam, sehnt sich nach Freunden, steht sich mit seiner Sozialphobie aber im Weg. Und jetzt plötzlich interessieren sich alle für ihn, den „einzigen Freund“ des Toten. Er verstrickt sich in ein Lügengeflecht, das bald außer Kontrolle gerät …

Suizid, Angststörungen, Depression, Trauer: „Dear Evan Hansen“ ist kein leichter Musicalstoff, aber ein aus dem Leben gegriffener. Regisseur und Bühnenbildner Markus Olzinger blickt ungeschminkt auf die Seelen seiner Figuren. Dazu genügen ihm wenige einfache Kulissen und Requisiten: ein schwarzes Metall-Bettgestell für Evans Zimmer, der Esstisch der Familie Murphy – und immer wieder Handys, immer wieder Videocalls zwischen den Jugendlichen statt persönlicher Gespräche, immer wieder Isolation, Vereinzelung, Einsamkeit.

Jeder trauert hier auf seine Weise, und wie das Ganze auf die Bühne transportiert wird, verdient ein Extralob an die Casting-Abteilung. Denis Riffel stürzt sich mit Haut und Haar in Evans Leben, seine Hoffnungen, seine Ängste, seine Flucht nach vorne. Ihm gelingt eine vielschichtige Charakterstudie, mal sensibel, mal kraftvoll und ohne Scheu vor Tönen, die auch mal wehtun können, weil schließlich auch die Seele vor Verzweiflung aufschreit. In solchen Momenten betritt Jelle Wijgergangs als verstorbener Connor die Bühne und konfrontiert Evan mit dessen eigener Todessehnsucht – Zwiegespräche, die elegant das Innere nach außen kehren. Michaela Thurner ist Connors Schwester Zoe, in die Evan heimlich verliebt ist: die Entdeckung des Abends, die mit starker Aura fesselt und mitten ins Herz trifft („Ich sing Dir kein Requiem heut’ Nacht!“).

Auf demselben Niveau agiert Annemieke van Dam als Connors und Zoes Mutter Cynthia – es reicht ein Blick in ihr Gesicht und man weiß, dass man eine große Künstlerin vor sich hat. Auch Evans Mutter ist bei Anna Thorén bestens aufgehoben. Diese zeigt den verzweifelten Spagat zwischen bedingungsloser Mutterliebe und trotzdem „nicht genug sein“, weil Heidi im Hamsterrad einer Alleinerziehenden gefangen ist und deshalb Hilfe für ihren Sohn in Medikamenten statt familiärer Nähe sucht. Abgerundet wird das Ensemble stimmig von Savio Byrczak (Jared), Vanessa Heinz (Alana) und Yngve Gasoy-Romdal als Vater Larry Murphy, wobei letzterer musikalisch leider deutlich hinter den anderen zurückbleibt.

Was die demnächst ans Stadttheater Fürth weiterziehende Produktion auszeichnet, ist das Fingerspitzengefühl, mit dem alle Beteiligten diesen beileibe nicht einfachen Stoff angehen: von den ungekünstelten Choreografien (Wei-Ken Grosmann-Liao) über nie deplatziert wirkende Situationskomik bis hin zur deutschen Übersetzung von Nina Schneider, die zeitgemäß klingt, ohne sich anzubiedern. Was ohnehin zum Erfolg beiträgt, sind die eingängigen Popsongs von Benj Pasek und Justin Paul, die Jürgen Goriup und das Musical Frühling Live Orchester gekonnt interpretieren. Und eine Botschaft, die leider viel zu oft nicht laut ausgesprochen wird: „Denn heute, ganz egal was auch geschieht, bist Du zumindest Du selbst. Und das ist genug.“


Orchestrierung: Alex Lacamoire • Vokal-Arrangements: Justin Paul • Zusätzliche Arrangements: Alex Lacamoire und Justin Paul • Deutsch von Nina Schneider

Musikalische Leitung: Jürgen Goriup • Regie und Bühnenbild: Markus Olzinger • Choreografie: Wei-Ken Grosmann-Liao • Kostüme: Elisabeth Sikora • Licht: Ingo Kelp • Ton: Roland Baumann • Visual Artists: VAME • Mit: Denis Riffel (Evan Hansen), Anna Thorén (Heidi Hansen), Michaela Thurner (Zoe Murphy), Jelle Wijgergangs (Connor Murphy), Annemieke van Dam (Cynthia Murphy), Yngve Gasoy-Romdal (Larry Murphy), Savio Byrczak (Jared Kleinman), Vanessa Heinz (Alana Beck) • Musical Frühling Live Orchester

Aufmacherfoto: Rudolf Gigler

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