
Die „West Side Story“ kehrt zurück zu ihren Wurzeln
Das Theater Hagen wechselt bei seinen Musicals gerne zwischen selten gespielten oder auch ungewöhnlich inszenierten Werken und weitgehend werkgetreuen Adaptionen absoluter Klassiker. In letztere Kategorie gehört die jüngste Produktion der „West Side Story“. Gewagt ist das allenfalls mit Blick auf Steven Spielbergs von Kritikern gefeierte und an den Kinokassen zu Unrecht untergegangene Neuverfilmung von 2021. Aber mit „Ich hab’ mal irgendwann den alten Film gesehen“ bezieht sich kurz vor Beginn der Premiere eine Frau in den hinteren Reihen auf den Klassiker von 1961. Im Prinzip eine ideale Voraussetzung, um den Abend genießen zu können. Wer das Musical dagegen in- und auswendig kennt, erlebt keine Überraschungen, aber wie will man hier das Rad auch immer neu erfinden? Zu einer Verlegung der Handlung aus den 50ern in die Gegenwart passt die Musik nicht, dazu gibt es auch modernere Werke wie zum Beispiel „In the Heights“.
So will Regisseurin und Choreografin Yara Hassan „das Werk in seiner ursprünglichen poetischen Kraft auf die Bühne bringen“, wie sie im Programmheft sagt: „‚West Side Story‘ spielt nicht nur in New York. Sie spielt überall dort, wo Menschen lernen müssen, miteinander zu leben.“ Das müsste sie nicht eigens betonen, denn die Relevanz für die Gegenwart – der Rassismus, der den Konflikt heraufbeschwört und von den Polizisten mitgetragen wird – drängt sich vor dem Hintergrund der Trump-Administration und seiner ICE-Gestapo, vor dem Erstarken des Rechtsextremismus und der Stadtbild-Diskussion in Deutschland förmlich auf. Aber wie üblich gilt: Jene, die sich genau deswegen einen solchen Stoff anschauen sollten, werden sich kein Ticket kaufen, sondern eher lauthals ein Ende jeglicher Kulturförderung einfordern.
So steht und fällt alles mit den Darstellern und der Bühne. Letztere ist ein Meisterwerk, das Theater nutzt seine Drehbühne für einen zweigeschossigen Komplex, der alle Handlungsorte in einem Mikrokosmos zusammenführt und in der Hinterhofkulisse reichlich Treppen, Leitern und Verstrebungen bietet, in denen die Jets und die Sharks bei ihren Tanzszenen artistisch herumturnen können. Kostüme und Spielorte der puerto-ricanischen Sharks sind farbenfroh gemäß der Hoffnungen, mit denen sie in die USA kamen; die der US-amerikanischen Jets eher karg und gedeckt, passend zu ihrer Desillusioniertheit.
Bereits Bernsteins Studioaufnahme von 1985 galt manch einem als problematisch, da er alle Rollen mit Opernsängern besetzte. Hagen mischt klassische mit Musical-Stimmen. Anton Kuzenok, seit 2020 fest am Theater engagiert, ist ein klassischer Tenor und singt Tonys Songs wie Arien. Nike Tiecke ist zwar Musicaldarstellerin, singt ihre Maria aber ebenfalls eher klassisch, damit sie im Duett zueinander passen. Insgesamt geraten die Interpretationen damit etwas steif.
Und so schön es ist, Tony gegen den üblichen Stereotyp nicht mit einem großen, schlanken Schönling zu besetzen, sondern zu zeigen, dass auch ein eher untersetzter Mann das Herz der schönen Maria zu erobern vermag: Er wirkt dennoch etwas blass gegen die charismatischen Figuren wie Riff (Musicaldarsteller Robert Johansson), Bernardo und Anita (beides Opernsänger, denen der Wechsel gelingt: Kenneth Mattice und Angela Davis). Schade, dass diese beide männlichen Charaktere am Ende des ersten Akts sterben. Optisch würde Kuzenok eher zu den Puerto-Ricanern passen, was den Irrsinn des Rassismus noch unterstreicht. Allein sein starker russischer Akzent irritiert.
Die großen Momente erlebt die Hagener Produktion bei ihren Tanz- und Ensembleszenen – gerade das durchchoreografierte Chaos des Versteckspiels der verfeindeten Gangs im Prolog erfordert höchste Präzision. „America“ und „Gee, Officer Krupke“ sind die großen Showstopper des Stücks.
Sämtliche Lieder werden in der originalgetreuen deutschen Übersetzung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald gesungen.
Musikalische Leitung: Steffen Müller-Gabriel • Regie und Choreografie: Yara Hassan • Ausstattung: Mara Lena Schönborn • Licht: Hans-Joachim Köster • Sounddesign: Magnus Laurich, Matthias Woelk und Arndt Esser • Dramaturgie: Jakob Robert Schepers • Mit: Anton Kuzenok (Tony), Robert Johansson (Riff), Magnus Jahr (Action), Christian Rosprim (A-Rab), Niklas Roling (Baby John), Tobias Blinzler (Big Deal), Anna Hirzberger (Anybody’s), Eva Löser (Graziella), Marie Haisch (Velma), Ann-Kathrin Wurche (Clarice), Judith Urban (Minnie), Kenneth Mattice (Bernardo), John Baldoz (Chino), Manuel Lopez (Pepe), Jeffrey Zepf (Indio), Adriano Sanzo (Luis), Nike Tiecke (Maria), Angela Davis (Anita), Hyejun Melania Kwon (Rosalia), Lucia Isabel Haas Muñoz (Consuelo), Erika del Re (Teresita), Andrea Martín Albert (Francisca), Doc (Richard van Gemert), Matthias Knaab (Schrank), Tom Mehnert (Krupke) • Philharmonisches Orchester Hagen
Aufmacherfoto: Björn Hickmann




