
„Natürlich Blond“ begeistert auf vielen Ebenen
Die diesjährigen Absolventinnen und Absolventen der Hamburger Stage School präsentieren „Natürlich Blond“ im First Stage Theater als ihr Abschlussprojekt. Dabei handelt es sich keineswegs um eine mittelprächtige Schulaufführung, sondern um eine rundum gelungene Produktion, bei der die angehenden Profis beweisen, was sie können. Denn Regisseurin Franziska Kuropka bringt die sarkastisch-klischeeüberladene Musical-Komödie, die mit viel Augenzwinkern, einer gehörigen Portion Tiefgang und unzähligen mitreißenden Melodien punktet, mit exzellentem Timing und viel Gespür für witzige Details auf die Bühne. Ambitionierte Choreografien von Nicole Eckenigk inklusive Rope Skipping und Hebefiguren sorgen zusätzlich für ein rasantes Tempo, das die rund zweieinhalb Stunden fast zu schnell vergehen lässt.
Die Titelpartie der jungen Blondine Elle Woods übernimmt Antonia Opp ausstrahlungsstark und wandlungsfähig – durchgehend mit einer umwerfenden darstellerischen wie stimmlichen Präsenz. Sie überzeugt als naive Elle, die sich anfänglich vor allem für Mode sowie die Farbe Pink interessiert und sich für ihren Angebeteten Warner verbiegen möchte, genauso wie als tiefgründige Elle, die dann doch sehr schnell merkt, dass das Leben viel mehr bereithält. Der zurückhaltende Rechtsassessor Emmett unterstützt sie auf ihrem Weg – liebevoll dargestellt von Lennard Ney, der zwischen schüchtern und ambitioniert schwankt. Rasmus Meyer-Loos gibt Warner herrlich treffend als Mischung aus Schönling und Lackaffen, den man besser schnell loswird; nuanciert zeigt er auch eine liebevolle Seite.
Ganz allgemein gelingt dem unglaublich spielfreudigen Ensemble eine fein-changierende Gefühls- und Ausdruckspalette mit großartiger Mimik. Sei es Annabelle Hoogvliet als erst unsympathische und kratzbürstige, später nahbare Mitstudentin Vivienne, Céline Hellmann als burschikose Enid, eifrig-feministisch mit Ecken und Kanten und dem Herz am rechten Fleck, oder Tyreese Scott, der als verführerischer Paketbote mit knackigen Moves alle Blicke auf sich zieht, aber sich auch dezent ins Ensemble einfügen kann. Aus dem wuseligen Mädelhaufen stechen durch wunderbare Mimik Yasmine Huber als Margot und Luisa Bernert als Serena heraus, die auch mit der hingeschmetterten Nummer „Knick und Pop“ beeindruckt. Apropos stimmgewaltig: Laura Rittler brilliert als Friseurin Paulette mit ihrem witzigen Spiel, pointierten Ausdruck und ihrer kraft- und gefühlvollen Stimme – ein Highlight des Abends. Als einziger langjähriger (und extern zugekaufter) Profi lässt Robert Schmelcher in der Rolle des schmierigen Professor Callahan einem schnell das Blut in den Adern gefrieren.
Die Kostüme von Volker Deutschmann und Hermine Seifert unterstreichen die Charaktere und schaffen eine harmonische Mischung aus quietschig-farbenfroh (natürlich vor allem Pink bei Elle!), juristischem Grau-Braun-Beige und US-Cheerleading. Klara Riefenstahls Perücken setzen viele witzige Akzente bei schrulligen Harvard-Professoren oder übertriebenen Dauerwellen-Frisuren. Leider wirkt die Perücke von Elle alles andere als natürlich. Das häufig schemenhafte Bühnenbild von Felix Wienbürger liefert klare Formen, ein rosa Zimmer, einen rosa Beauty-Salon, die Tür zum Hörsaal, die Uni-Flure, einen Gerichtssaal. Schade, dass nicht mehr in diesen wunderbaren Räumen gespielt wird, da doch zu viel vor schwarzen Vorhängen stattfindet.
Für den stimmigen Sound sorgt der musikalische Leiter Max MacMahon am Keyboard gemeinsam mit Halbplaybacks. Die deutschen Songtexte stammen übrigens von Kevin Schroeder und Heiko Wohlgemuth, die es vorzüglich verstehen, den bissigen Humor mit zu übersetzen, etwa bei „Schwul oder französisch“, im Broadway-Original „Gay or European“.
Das konstant hohe Niveau der rund 30 Absolventinnen und Absolventen macht den Abend zu einem wahren Genuss und lässt hoffen, dass dieser starke Abgang erst der Anfang ist …
Musikalische Leitung: Max MacMahon • Regie: Franziska Kuropka • Choreografie: Nicole Eckenigk • Bühne: Felix Wienbürger • Kostüme: Volker Deutschmann und Hermine Seifert • Haare und Make-up: Klara Riefenstahl • Sounddesign: Bennet Jorre • Mit: Robert Schmelcher (Professor Callahan/Elles Vater/Professor Winthrop), Luisa Bernert (Serena), Mercedes Felling (Boutiquebesitzerin/Elles Mutter/Richterin), Kim Hanfland (Brooke), Céline Hellmann (Enid), Annabelle Hoogvliet (Vivienne), Yasmine Huber (Margot), Samira Janssen (Kate/Chutney), Elena Krieft (Verkäuferin/Whitney), Rasmus Meyer-Loos (Warner), Lennard Ney (Emmett), Lukas Nottebrock (Aaron/Prof. Lowell Dewey/Nico), Antonia Opp (Elle), Laura Rittler (Paulette) u.a.
Aufmacherfoto: Dennis Mundkowski




