L R Hannah Corneau as Zelda Lauren Ward as Scottie and David Hunter as F. Scott C Pamela Raith | MUSICAL TODAY

Beautiful Little Fool

Der ehrliche Great Gatsby

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oRT
Southwark Playhouse Borough
von
Hannah Corneau (Musik und Liedtexte)
Mona Mansour (Buch)
Regie
Michael Greif
Uraufführung
2026

Ein Kammermusical erzählt das Leben von F. Scott und Zelda Fitzgerald 

Mit „Beautiful Little Fool“ feiert am Southwark Playhouse Borough eine neue, ambitionierte Off-West-End-Produktion ihre Premiere, die sich dem Mythos rund um das Schriftstellerpaar Zelda und F. Scott Fitzgerald aus der Perspektive ihrer einzigen Tochter nähert. Ein kluger erzählerischer Rahmen, der sich den 1920er Jahren, die F. Scott Fitzgerald in seinen Romanen nahezu zur Legende erklärt hat, auf ganz menschlicher Ebene über Geschichten und Erinnerung annähert – nicht nur als Projektion künstlerischer Exzesse, sondern auch als tragische Familiengeschichte.

Das Buch von Mona Mansour wählt mit Scottie eine einzigartige Perspektive; sie blickt im Familienarchiv auf das Leben ihrer Eltern zurück und versucht, Ordnung in ein emotional wie biografisch fragmentiertes Narrativ zu bringen. Dieser Blick aus der zweiten Reihe verleiht dem Abend eine gewisse Distanz, die es erlaubt, frohe wie auch tragische Momente wiederzuerleben, auch wenn dadurch nicht jede Szene dramatisch zugespitzt wirkt, sondern eher beobachtend bleibt.

Lauren Ward brilliert in der Rolle der Tochter, verleiht ihr Klarheit und Witz, welcher stets von der schmerzhaften Erkenntnis begleitet wird, ihre Eltern nie übertreffen zu können. Sie beginnt mit einer gewitzten, beinahe Stand-up-Comedy-artigen Einführung in das Stück, in die ihre Eltern ohne Scheu mit der Frage „Can we start now?“ platzen und das Publikum direkt an den Anfang ihrer Karriere um 1920 transportieren. Durch das Stück hindurch fungiert Scottie als ruhender Pol in einer Erzählung voller emotionaler Ausschläge und wird zum verlässlichen Begleiter des Publikums.

Als F. Scott überzeugt David Hunter mit einer nuancierten Darstellung, die den Schriftsteller weniger glorifiziert als vielmehr in seiner inneren Zerrissenheit zeigt. Besonders emotional sind jene Momente, in denen Musik und Text innehalten und Raum für leise, unbequeme Wahrheiten lassen, die er nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Tochter eingestehen muss. Der West-End-Star, bekannt aus „Kinky Boots“ oder „Waitress“, brilliert vor allem mit seinen gesungenen Einlagen, in denen seine volle Stimme zur Geltung kommt.

Szenenfotos mit Hannah Corneau als Zelda und Amy Parker im Ensemble

In der besuchten Premiere übernimmt Amy Parker die Rolle der Zelda, unterstützt von Jasmine Hackett im Ensemble. Parker, die zuvor im Manchester Opera House in „13 Going on 30“ mitwirkte, gelingt es, Zelda nicht als bloße exzentrische Ikone zu zeichnen, sondern als widersprüchliche, verletzliche Figur zwischen Genie, Depressionen und Selbstbehauptung. Ihre Darstellung fügte sich organisch in den Abend ein und bewahrt die emotionale Balance der Produktion.

Regisseur Michael Greif setzt mit seinem zweistöckigen Bühnenbild ein klares Zeichen jenseits des West End. Während Scottie im Erdgeschoss, dem Familienarchiv, durch Regale voller Bücher und Manuskripte wandert, von denen einige noch in der Schreibmaschine stecken, laden ihre Eltern auf der oberen Etage dazu ein, der Vergangenheit noch einmal beizuwohnen und sich auf die Party inklusive des anschließenden Katers einzulassen – eindrückliche Lichteffekte (Ben Stanton) inklusive.

Die Musik stammt von Hannah Corneau, die sonst auch die Zelda spielt. Ihre Partitur setzt weniger auf große Broadway-Gesten als auf fein gearbeitete, emotionale Übergänge. Die Songs sind klar erzählerisch motiviert und oft introspektiv; eine Entscheidung, die zum Stoff passt, aber in Teilen Geduld verlangt. Trotzdem bleiben wiederkehrende Motive auch nach dem Abend im Kopf.

Insgesamt ist „Beautiful Little Fool“ kein lautes Spektakel à la „The Great Gatsby“, sondern ein leiser, nachdenklicher Abend, der sich mit Erwartungen an Kunst, Liebe und Nachruhm auseinandersetzt. Wer große Showstopper erwartet, wird hier möglicherweise nicht fündig. Wer sich jedoch auf ein feinfühliges, literarisch geprägtes Musical einlässt, entdeckt eine Produktion, die gerade durch ihre Nachvollziehbarkeit und Nähe zur Familie lange nachhallt und als Uraufführung ein bemerkenswertes künstlerisches Statement setzt.


Musikalische Leitung: Jerome van den Berghe • Regie: Michael Greif • Bühne: Shankho Chaudhuri • Kostüme: Laura Hopkins • Licht: Ben Stanton • Sounddesign: Domnic Bilkey • Mit: David Hunter (F. Scott), Amy Parker (Zelda), Lauren Ward (Scottie), David Austin-Barnes (Ensemble), Jasmine Hackett (Swing)

Aufmacherfoto: Pamela Raith

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