
Das neue Musical „Pride“ verwandelt eine außergewöhnliche, wahre Geschichte in ein ebenso mitreißendes wie klug erzähltes Theatererlebnis
Zwei Gruppen, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander verbindet, werden im England der Thatcher-Ära zu unerwarteten Verbündeten: streikende Bergarbeiter und homosexuelle Aktivisten. Diese ungewöhnliche, aber wahre Geschichte erzählt das Musical „Pride“, das im Juni am National Theatre uraufgeführt wurde. Für die Bühnenadaption sind Regisseur Matthew Warchus und Buchautor Stephen Beresford verantwortlich, die bereits den gleichnamigen Erfolgsfilm von 2014 schufen. Ihnen gelingt ein gleichermaßen mitreißender wie bewegender Theaterabend.
Im Zentrum der Handlung steht die 1984 von Mark Ashton gegründete Gruppe „Lesbians and Gays Support the Miners“ (LGSM), die Geld für streikende Bergleute sammelte. Jhon Lumsden spielt Mark, den leidenschaftlichen Anführer, der in Nummern wie „Solidarity“ eine schier unbändige Energie zeigt. Als die LGSM nach Wales fährt, um ihre Spenden persönlich zu übergeben, schließen Bergarbeiter und Aktivisten nach anfänglichen Berührungsängsten Freundschaft – immerhin müssen sich beide gegen Ausgrenzung und politischen Gegenwind behaupten. Nicht alle Bergarbeiter sind jedoch bereit, die Unterstützung einer queeren Gruppe anzunehmen. Glücklicherweise sind insbesondere viele der Frauen aus der walisischen Minensiedlung mehr als aufgeschlossen – ihr Streifzug durch die queere Londoner Clubszene gehört zu den komödiantischen Höhepunkten der Show.
Während der erste Akt des Musicals die Geschichte vergleichsweise konventionell erzählt, traut sich der zweite, die Möglichkeiten des Mediums Theater spielerischer auszuschöpfen. So fungieren fünf Mitglieder der LGSM als Erzähler, die immer wieder die vierte Wand durchbrechen, die Handlung kommentieren und gelegentlich einen Blick in die Zukunft werfen. Besonders umfangreich wendet sich Jonathan Blake, einer der Aktivisten und ersten HIV-Erkrankten Englands, zu Beginn des zweiten Teils ans Publikum. Er entschuldigt sich augenzwinkernd für seine bisherige Darstellung, nur um dann in einer flamboyanten Musicalnummer seine Lebensgeschichte zu erzählen. Samuel Barnett überzeugt als Jonathan sowohl mit seinem nuancierten Spiel als auch mit seiner durchdringenden Stimme.
In weiteren Vignetten werden Schlaglichter auf die AIDS-Krise – mit der herzzerreißenden Hymne „Light Perpetual“ – oder die Schwierigkeiten des Coming-outs geworfen. Diesen Prozess durchläuft Bromley, den Lewis Cornay zunächst sehr zurückhaltend spielt, bevor er am Ende mit „I’m Into Guys“ (auch stimmlich) einen Befreiungsschlag vollzieht. Unter den Bergarbeitern rücken ebenfalls die Kämpfe einzelner Figuren um Akzeptanz in den Fokus: Siân James etwa, die Sarah Pugh mit viel Wärme verkörpert, rührt das Publikum mit ihrem Solo „My Little Infidelities“ zu Tränen.
Insgesamt gelingt es „Pride“ eindrucksvoll, ein Gesellschaftspanorama des Thatcher-Englands zu zeichnen und zugleich einen differenzierten Blick auf den Kampf um queere Rechte im Großbritannien der 80er zu werfen. Das Musical unterstreicht dabei die Bedeutung gesellschaftlichen Zusammenhalts, ohne die Schwächen seiner Protagonisten auszublenden. Der rockig-energetische Score von Christopher Nightingale, Josh Cohen und DJ Walde – punktgenau von einer siebenköpfigen Band unter Leitung von Jo Cichonska dargeboten – ist deutlich von der Pop-Musik der 1980er Jahre beeinflusst. Neben Verbeugungen vor Bronski Beat und Culture Club sind auch Einflüsse von Disco, Broadway und walisischen Arbeiterchören zu hören.
Das reduzierte Bühnenbild (Bunny Christie) lässt Warchus’ dynamischer Inszenierung viel Raum zur Entfaltung und schlägt mithilfe historischer Projektionen eine eindrucksvolle Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. So entsteht ein Musical, das sein Publikum gleichermaßen unterhält, bewegt und zum Nachdenken anregt. Gerade in der Verbindung von Einzelschicksalen und gesellschaftspolitischer Dimension entfaltet „Pride“ dabei seine größte Stärke.
Music Supervision: Tom Kelly • Musikalische Leitung: Jo Cichonska • Regie: Matthew Warchus • Choreografie: Lizzi Gee • Ausstattung: Bunny Christie • Licht: Hugh Vanstone • Sounddesign: Bobby Aitken • Perücken-, Haar- und Make-up-Design: Campbell Young Associates • Mit: Samuel Barnett (Jonathan), Lewis Cornay (Bromley), Matthew Durkan (Mike), Gillian Elisa (Gwen), Robin Hayward (Martin), Chris Jenkins (Gethin), Darren Lawrence (Cliff), Jhon Lumsden (Mark), Kirsty Malpass (Hefina), Sarah Pugh (Siân), Jordan Shaw (Reggie), Caroline Sheen (Maureen), Courtney Stapleton (Steph), Mared Williams (Margaret), Matthew Woodyatt (Dai) u.a.
Aufmacherfoto: Manuel Harlan




