
In „Alice by Heart“ prallen Fantasiewelt und Kriegsrealität aufeinander
Kaum eine Adaption von Lewis Carrolls Klassiker „Alice im Wunderland“ ist so düster wie Steven Saters und Duncan Sheiks „Alice by Heart“, das die viktorianische Fantasiewelt der Vorlage mit den Schrecken des Zweiten Weltkriegs kombiniert. Im Zentrum des Musicals steht Alice Spencer, die sich 1941 mit anderen Jugendlichen während der deutschen Luftangriffe in der Londoner U-Bahn verstecken muss. Um sich nicht dem grausamen Alltag und der tödlichen Tuberkulose-Erkrankung ihres besten Freundes Alfred stellen zu müssen, flüchtet sie sich in die fantastische Welt ihres Lieblingsbuches: „Alice im Wunderland“.
Im Hauptteil des einaktigen Musicals entfaltet sich eine Folge von Vignetten mit Figuren aus dem Carroll-Kosmos – verkörpert von Personen aus Alices realem Umfeld. Allerdings verändert Alice die Geschichte immer wieder, um sie ihrer Lebensrealität anzupassen und die Traumata des Kriegsalltags besser verarbeiten zu können.
Beim Jungen Staatsmusical in Wiesbaden inszeniert Iris Limbarth „Alice by Heart“ als rauschhaften Bilderbogen, der sowohl durch souveräne Personenführung als auch durch effektvolle Gruppenchoreografien überzeugt. Die Produktion in der Wartburg wartet zudem mit vielen liebevollen Details in der Ausstattung auf wie dem Einbezug von Requisiten aus dem Kriegsalltag in die von Heike Korn fantasievoll gestalteten Kostüme: Da wird etwa aus den Spritzen der Krankenschwester die Krone der Herzkönigin oder aus einem Soldatenhelm ein Schildkrötenpanzer. Auch Britta Lammers’ Bühnenbild – ein Londoner U-Bahn-Set, das sich mit wenigen Handgriffen in die verschiedensten Orte des Wunderlands verwandeln kann – spielt bewusst mit der Kombination von Realitäts- und Fantasieebene.
Alle Rollen werden in Wiesbaden durch Laiendarsteller aus dem Jungen Staatsmusical besetzt, die hier die Möglichkeit haben, unter professionellen Bedingungen auf der Bühne zu stehen. Erfreulicherweise agieren die Beteiligten weit über Amateurniveau und schaffen mit „Alice by Heart“ einen mitreißenden Musicalabend, der nicht nur Unterhaltung bietet, sondern auch zum Nachdenken anregt.
Viktoria Reese verkörpert die Titelrolle mit äußerster Souveränität und findet eine gute Balance zwischen kindlicher Naivität und berührender Verletzlichkeit. Auch musikalisch überzeugt Reese mit ihrer klaren und durchdringenden Stimme. An ihrer Seite spielt Jan Volpert, der den todkranken Alfred mit großer Eindringlichkeit porträtiert. In seinen weiteren Rollen als Weißes Kaninchen und Märzhase stellt er seine darstellerische Vielseitigkeit unter Beweis. Ein besonderes Highlight der Produktion ist Dwayne Besiers exaltierte Darstellung der Herzogin, mit der er das Publikum zum Toben bringt.
Leonie Willms beweist als Krankenschwester und Herzkönigin ein wunderbares komödiantisches Timing, während Tim Speckhardt (Dr. Blutridge, Herzkönig, Jabberwocky und Schildkröte) in seiner ausdrucksstarken Performance Tiefe und Witz perfekt zusammenbringt. Auch Katharina Hoffmann hat sichtliche Freude an ihrer Rolle als Grinsekatze und beeindruckt mit ihrer souligen Stimme. Komplettiert wird das gut harmonierende Ensemble durch Sarah Zimmermann und Timur Hökelekli, die als hypnotische Raupe Alice bei ihrer Realitätsflucht helfen, sowie durch Lars Hofmann als herrlich überzeichnete Maus und Achim Ströde als kriegstraumatisierten Hutmacher.
Die stimmungsvolle – und stellenweise regelrecht psychedelisch anmutende – Musik wird von der sechsköpfigen Band unter der Leitung von Frank Bangert souverän dargeboten. Licht und Ton waren bei der Premiere stellenweise noch etwas wackelig, dem Gesamteindruck des Abends tat dies glücklicherweise keinen Abbruch. Mit „Alice by Heart“ gelingt dem Jungen Staatsmusical ein berührender Abend, der Fantasie und Kriegsrealität eindrucksvoll miteinander verschränkt und von der außergewöhnlichen Spielfreude seines jungen Ensembles getragen wird.
Musikalische Leitung: Frank Bangert • Regie und Choreografie: Iris Limbarth • Bühne: Britta Lammers • Kostüme: Heike Korn • Mit: Viktoria Reese (Alice Spencer/Alice), Jan Volpert (Alfred Hallam/Weißes Kaninchen/Märzhase), Leonie Willms (Krankenschwester vom roten Kreuz/Herzkönigin/Raupe/Hummer), Tim Speckhardt (Dr. Blutridge/Herzkönig/Raupe/Jabberwocky/Schildkröte 1/Hummer), Katharina Hoffmann (Tabatha/Grinsekatze/Flamingo Tanz/Jabberwocky Tanz), Achim Ströde (Harold Pudding/Hutmacher/Raupe/Schildkröte 2/Hummer/Flamingo Tanz/Jabberwocky Tanz), Dwayne Besier (Dodgy/Herzogin/Raupe/Hummer/Schildkröte 4/Jabberwocky Tanz), Sarah Zimmermann (Clarissa/Karo Königin/Raupe 2/Schildkröte 3/Hummer/Flamingo Tanz/Jabberwocky Tanz), Lars Hofmann (Nigel/Maus/Raupe/Kreuzbube/Schildkröte/Hummer/Flamingo Tanz/Jabberwocky Tanz), Timur Hökelekli (Angus/Raupe 1/Herzbube/Schildkröte/Hummer/Flamingo Tanz/Jabberwocky Tanz).
Aufmacherfoto: Peter Emig




