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Wie im Himmel

Zwischen Feel-Good und Melodram

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Ort
TiC – Theater in Cronenberg
VON
Fredrik Kempe (Musik)
Kay Pollak und Carin Pollak (Buch)
Carin Pollak und Fredrik Kempe (Liedtexte)
Gabriele Haefs und Roman Hinze (Deutsche Fassung)
Regie
Ralf Budde
Uraufführung
2018

„Wie im Himmel“ ist ein berührendes Musical-Kleinod

Nach dem großen Erfolg mit „Evita“ in der letzten Spielzeit haben Intendant Ralf Budde und sein musikalischer Leiter Stefan Hüfner diesmal wieder ein Musical ausgegraben, dessen Qualitäten sich – unverständlicherweise – in der deutschen Musical-Landschaft noch nicht so richtig herumgesprochen haben.

Immerhin basiert „Wie im Himmel“ auf dem gleichnamigen Film von Kay Pollak aus dem Jahre 2004, der zum erfolgreichsten schwedischen Film aller Zeiten avancierte und auch hierzulande in den Arthaus-Kinos Kultstatus erreichte. Pollak und seine Frau Carin schrieben das Drehbuch selbst für die Bühne um, der Singer-Songwriter und Opernsänger Fredrik Kempe komponierte den Score und schrieb mit Carin Pollak die Liedtexte. 2018 feierte das Musical in Stockholm seine Uraufführung, 2021 seine deutsche Erstaufführung in der MusicalFactory 64853 im hessischen Rödermark.

Es beginnt mit einem vom TiC selbst produzierten Video-Einspieler, in dem der kleine Daniel (Gavrill Moschos) mit seiner Geige herumfidelt und von seinen Mitschülern als Muttersöhnchen gemobbt wird, vor allem vom besonders gemeinen Conny (Jonas Stanke – der Sohn von Patrick Stanke). Dann betritt der erwachsene Daniel (Leon Gleser), mittlerweile ein international erfolgreicher Dirigent, die Bühne und wir erfahren, dass er nach einem Herzinfarkt seine Karriere aufgegeben hat, in das Dorf seiner Kindheit zurückkehrt und dort den Kirchenchor übernimmt. Was als Erholung und Neuanfang gedacht war, entwickelt sich zu einem gruppendynamischen Prozess, in dem unausgesprochene Gefühle und verdrängte Wahrheiten ans Licht kommen. Auch Daniel kann sich dem letztlich nicht entziehen, vor allem nicht den Gefühlen der jungen Lena. Am Ende, als man zu einem von Daniel zunächst abgelehnten Chorwettbewerb fährt, erleidet er einen zweiten Herzinfarkt. Der nun auf sich allein gestellte Chor findet aber durch die Musik zusammen. So wird „Wie im Himmel” zu einem berührenden Plädoyer für Gemeinschaft und die heilende Kraft der Musik.

Ralf Buddes Inszenierung überzeugt mit ihrer präzisen Darstellerführung und einfühlsamen Figurenzeichnung, die den Spannungsbogen der Geschichte bis zum berührenden Ende straff hält. Das spielwütige Ensemble (Leon Gleser, Leonie Hackländer, Christoph Güldenring, Anna Färber, Max Weber, Sophie Hülper, Ben Bremer, Franziska Erbe) setzt die Regie-Vorgaben mit einer beeindruckenden Leistung kongenial um, schauspielerisch wie auch gesanglich. Diese für eine semi-professionelle Truppe außergewöhnlichen Leistungen bekommen noch ein Sahnehäubchen durch das intensive, geradezu schmerzlich nachvollziehbare Zusammenspiel von Kerstin Trant (als misshandelte Gabriella) und Marvin Bittner (als ihr prügelnder Ehemann Conny). Bittner schafft es wirklich, dass man ihn buchstäblich hasst, und sie möchte man am liebsten beschützen. Conny bekommt seine Strafe schon vom Komponisten („Böse Menschen kennen keine Lieder“), während Fredrik Kempe für Gabriella drei der wunderbare Songs („Ein Lied aufs Leben“, „Gabriellas Lied“ und „Meine Sterne“) geschrieben hat, die Trant mit ausdrucksstarker Stimme dermaßen gefühlvoll interpretiert, dass sie für Gänsehaut sorgen.

Fredrik Kempes abwechslungsreiche Partitur, die von skandinavischer Volksmusik, Gospel, Oper, A-cappella-Gesang, lateinamerikanischem Tango, Pop und klassischen Musical-Balladen beeinflusst ist, bleibt durch die eingängigen Arrangements von Karl-Johan Ankarblom im Ohr haften. Und da das Musical keine Tanzszenen enthält, übernimmt das Ensemble die Choreografie, wenn es zum Takt der Musik mit den verschiebbaren Elementen des pfiffig ausgedachten Bühnenbilds von Stefan Böhmer und Frank Fischer – ähnlich wie bei Überblendungen im Film – neue Räume schafft. Bei so viel Fantasie fühlt man sich letztlich auch als Zuschauer „Wie im (Musical-)Himmel“.


Musikalische Leitung: Stefan Hüfner • Regie: Ralf Budde • Bühne: Stefan Böhmer und Frank Fischer • Kostüme: Maya Fichtel • Mit: Leon Gleser (Daniel Daréus), Leonie Hackländer (Lena Knapp), Christian Michalak (Stig Berggren), Monika Owart (Inger Berggren), Kerstin Trant (Gabriella), Marvin Bittner (Conny), Florian Siegmund (Arne), Sophie Hülper (Siv), Ben Bremer (Tore/Simon), Franziska Erbe (Amanda) u.a.

Aufmacherfoto: Martin Mazur

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