Lazarus 32 Candy Welz | MUSICAL TODAY

Lazarus

„Look up here, I’m in heaven“

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Ort
Theater Heilbronn
VON
David Bowie (Musik und Liedtexte)
Enda Walsh (Buch)
Peter Torberg (Deutsche Dialoge)
Regie
Thomas Winter
Uraufführung
2015

Das Bowie-Musical „Lazarus“ wandelt mit tollen Bildern und Stimmen in surrealen Zwischenwelten

Für ein inhaltlich höchst seltsames Musical, das am Off-Broadway gerade mal sechs Wochen lief, wurde „Lazarus“ nach seiner Deutschen Erstaufführung 2018 hierzulande geradezu inflationär inszeniert. Mehr als ein Dutzend Neuproduktionen gab es seitdem, an den großen Schauspielhäusern stürzten sich berühmte Regisseure auf das – formal betrachtet – Jukebox-Musical aus David-Bowie-Songs. Natürlich zieht die bekannte Musik und noch mehr die androgyne Pop- und Filmikone mit ihrer über die Jahrzehnte immer wieder neu erfundenen Persönlichkeit; vielleicht fasziniert aber auch diese surreale Zwischenwelt, in der Thomas Newton, der todesmüde Protagonist des Stücks, auf echte Menschen und reine Fantasiegestalten trifft.

Obwohl die New Yorker Rechteinhaber keine Änderungen am zugrundeliegenden Textmaterial zulassen, kann man sich hier, wo es um Assoziationen und Blicke in eine gequälte Seele geht, als Regisseur und Ausstatter regelrecht austoben. In der Produktion des Heilbronner Theaters setzen Thomas Winter und Sebastian Ellrich sämtliche Bühnenpodien und Projektionsarten in Gang – rund um Newtons minimalistisches Penthouse-Zimmer fliegen sie riesige Lichtrahmen wie Puzzleteile ein, in denen eine Gebirgsschlucht, eine Showtreppe en miniature oder rieselnder Schnee erstaunliche Bilder beitragen. Auf einem Digitalscreen flimmern Nachrichten, menschliche Schemen huschen über Gaze-Vorhänge, Newtons bühnengroßes Gesicht wechselt sich mit Schwarzweiß-Bildern einer Fabrik ab. Ab und zu fährt die exquisite, achtköpfige Band unter Leitung von Heiko Lippmann aus dem Untergrund hoch, und doch mündet all diese hochtechnisiert-fantastische Illustration irgendwann auf einer leeren Bühne, über die Nebel treiben.

„Lazarus“ setzt den Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ von 1976 fort, das Musical spielt Jahrzehnte später. Bowie spielte damals einen schillernd-reptiloiden Außerirdischen, der auf der Erde strandete, dem Alkohol verfiel und an der Grausamkeit der Menschen verzweifelte. „Lazarus“ – benannt nach dem Mann, den Jesus in der Bibel von den Toten erweckte – zeigt diesen Thomas Newton nun, ewig jung wie Dorian Gray, am Ende seiner Kräfte, einsam und desillusioniert. Noch immer baut er an der Rakete, die ihn zurück auf seinen Heimatplaneten bringen soll. Umgeben ist er von diversen Gestalten, die anfangs noch reale Menschen, später pure Fantasien sind – eine ihm bis zur Selbstaufgabe ergebene Assistentin (Juliane Schwabe), ein namenloses Mädchen in Engelsweiß (Cosima Fischlein) und eine zerstörerische Mephisto-Gestalt namens Valentine (Oliver Firit).

Buch und Dialoge des Musicals verfasste der irische Dramatiker Enda Walsh gemeinsam mit Bowie, statt einer Handlung gibt es Begegnungen, Erinnerungsblitze und Wahnbilder; Ermordete zum Beispiel stehen hier einfach wieder auf. Vier Lieder hat der Sänger damals für das Musical neu geschrieben, ansonsten heben alte Hits wie „Absolute Beginners“ oder „This Is Not America“ immer wieder in die kryptische Welt der Bowie-Texte ab (die Songs erklingen im englischen Original). Das Heilbronner Ensemble singt durchweg mit starken Stimmen.

Im Zentrum der Aufführung steht Nikolaj Alexander Brucker im schneeweißen Anzug: ein Todesmüder, der nicht sterben kann. Welche Figuren echt sind und welche nur in seinem Kopf entstehen, das wissen weder Newton noch die Zuschauer. Wo der Held und das irreale Mädchen in der Originalproduktion von Ivo van Hove in Milchpfützen über den Boden rutschten, da schenkt diese bildmächtige Inszenierung dem Gestrandeten eine wunderschöne Erlösung: Zu einer stillen, fast lyrischen Version von „Heroes“ fliegt Newton in einer Kinderzeichnung seiner Rakete los und findet am Ende den Frieden – auf einer vernarbten Planetenoberfläche wie Saint-Exupérys Kleiner Prinz, weit weg von dieser Erde, die wie ein blaues Juwel im weiten All aufgeht.


Musikalische Leitung: Heiko Lippmann • Regie: Thomas Winter • Choreografie: Lidia Melnikova • Ausstattung: Sebastian Ellrich • Video: Konrad Kästner • Licht: Niko Bock • Sounddesign: Simon Wieland • Dramaturgie: Christine Härter • Mit: Nikolaj Alexander Brucker (Newton), Oliver Firit (Valentine), Cosima Fischlein (Mädchen, später Marley), Juliane Schwabe (Elly), Janice Rudelsberger (Teenage Girl 1), Lisanne Hirzel (Teenage Girl 2), Larissa P. Hartmann (Teenage Girl 3), Pablo Guaneme Pinilla (Zach), Lennart Olafsson (Ben), Stefan Eichberg (Michael), Juliette Lapouthe (Maemi/Japanerin)

Aufmacherfoto: Candy Welz

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