
„Salon Rosie“, das Prequel zum aktuellen Long Run „Wir sind am Leben“
Alles fußt bekanntlich auf einer Vorgeschichte. Das gilt auch für Bühnenstoffe. Im Berliner Theater des Westens läuft aktuell mit ziemlichem Erfolg und elf Nominierungen für den Deutschen Musical Theater Preis „Wir sind am Leben“. Im Zentrum steht eine Friseurin aus Wittenberg, die vor der Wende ein wechselvolles Leben hatte. Genau davon erzählt nun „Salon Rosie“. Das knapp dreistündige Werk über die Vergangenheit der Haar-Künstlerin ist ein echter Publikumsknaller, daran besteht nach der bejubelten Uraufführung kein Zweifel.
Rosi Fröhlich hat eine Schwester. Die heißt Gabi und ist tief frustriert über ihr trübes Dasein zwischen Trockenhaube, Kamm und importierter Rosen-Crème, außerdem gilt das beschauliche Wittenberg selbst in der biederen DDR nicht als Hotspot. Die ungleichen Zwillinge starteten als Kinderstars in der realsozialistischen Flimmerkiste, bis ein Unfall die Karriere jäh beendete: nun also Provinz-Coiffure. Darunter leidet Gabi noch 20 Jahre später, während Rosi ihr Ding im Salon macht. Irgendwann dürfen sie in einer telegenen Nostalgie-Show auftreten – für Gabi die Chance für einen Neubeginn. Der klappt prompt, beschert ihr Engagements in „Ein Kessel Buntes“, ein Gastspiel bei Fidel Castro und natürlich das Interesse der Stasi. Der nun verrät die eher hausbackene Rosi naiv, was sie verschweigen sollte. Die alte Rivalität der Geschwister bricht aus. Künftig herrscht Funkstille, bis die Wende vertraute Strukturen ins Aus katapultiert und Karrieren torpediert. Rosi und Gabi stehen 1990 vor den Trümmern ihrer Existenzen, doch nach manchen Schleifen finden sie wieder zueinander.
„Salon Rosie“ braucht zwei pralle Hauptdarstellerinnen, die wie entfesselte Naturgewalten durch den Plot preschen. Steffi Irmen (Rosi) und Kathi Damerow (Gabi) sind dafür die absolute Bestwahl. Bei ihnen knistert jede Bewegung, jeder Satz bricht Herzen, jede Pointe knallt ins Hirn, jeder Song hopst ins Ohr: eine wahre Eruption aus Emotionen zwischen Zank und Zärtlichkeit, die mitreißt und den Spannungsbogen bis kurz vor der Überdrehung ausreizt. Ben Knop in mehreren Rollen bietet dem Duo ordentlich Paroli, das übrige kleine Ensemble mit Elisabeth Bohaumilitzky, Clara Marie Hendel und Lars Wandres flankiert die Achterbahnfahrten ebenfalls leidenschaftlich.



Dramaturgisch hat das neue Stück indes einige Tücken. Der DDR-Hintergrund bleibt reichlich schemenhaft und zu oberflächlich recherchiert, im zweiten, arg gestreckten Teil nimmt die Aufarbeitung der verkorksten Kindheit sehr viel Raum ein. Dafür pocht Witz durch die geschliffenen Dialoge von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck, die zugleich mit straffer Regie sämtliche Akteure durch die Handlung navigieren und für Übersicht sorgen.
Die fast komplett neuen Songs von Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Joshua Lange weisen beachtliches Hit-Potenzial auf, besonders „Ich kann nur Tango“, „Fahr mit nach Havanna“, „36 Grad“, „Muttertier“ oder „Kaufen, kaufen, kaufen“. Dominik Franke als musikalischer Leiter lässt es mit der Band „Dübener Heiden“ bis zum Siedepunkt richtig krachen. Das Bühnenbild von Thorsten Griese-Frank, Heike Seidlers leicht ironisierende Kostüme und die heißblütige Choreografie von Nele Neugebauer locken die Zuschauer am Ende von den Stühlen. Wahre Applaus-Orkanbeben gibt es für die umwerfenden Schwestern von gestern, Steffi Irmen und Gabi Damerow, die mit den typischen Locken der 80er Jahre den Saal rocken.
Ende April 2027 fällt im Theater des Westens vorerst der letzte Vorhang. Das Team um Peter Plate und Ulf Leo Sommer möchte seine schillernde Erfolgsgeschichte gern weiterschreiben, doch ohne Klarheit über die Pläne ihres Vermieters Stage Entertainment lässt sich kaum vorausplanen. Keine gute Perspektive.
Musikalische Leitung: Dominik Franke • Regie: Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck • Choreografie: Nele Neugebauer • Bühne: Thorsten Griese-Frank • Kostüme: Heike Seidler • Licht: Martin Uteß • Mit: Steffi Irmen (Rosi Fröhlich), Kathi Damerow (Gabi Fröhlich), Ben Knop, Elisabeth Bohaumilitzky, Clara Marie Hendel und Lars Wandres (verschiedene Rollen) • Band „Dübener Heiden“
Aufmacherfoto: Dominic Ernst

