
„Kristina“ – deutschsprachige Erstaufführung eines schwedischen Meisterwerkes
Lange, sehr lange hat es gedauert, bis „Kristina från Duvemåla“, das zweite Musical von Benny Andersson und Björn Ulvaeus, seine deutschsprachige Erstaufführung feiern konnte. Es ist der Initiative des in Sachen Musical unter der Intendanz von Markus Dietze äußerst rührigen Theaters Koblenz zu verdanken, dass das Werk, das von nicht wenigen als die künstlerisch anspruchsvollste Arbeit der beiden ABBA-Macher angesehen wird, mehr als 30 Jahre nach der Uraufführung an der Oper Malmö nun erstmals außerhalb der skandinavischen Grenzen in einer szenischen Produktion zu sehen ist.
„Kristina“, so der kompakte deutschsprachige Titel, ist ein zutiefst bewegendes Stück Musiktheater, das die dramatische Geschichte einer Auswanderin nach Amerika erzählt, die in ihrem Inneren jedoch nie dort ankommt. Dramaturg Andreas Wahlberg, der die Idee für die deutschsprachige Erstaufführung nach Koblenz brachte, steuert dem Werk einige erklärende Dialogszenen bei, um dem deutschen Publikum, das nicht unbedingt mit dem schwedischen Auswanderer-Epos vertraut ist, das Verständnis zu erleichtern. Auch Udo Brinkmann hat bei der sehr gut gelungenen Übertragung der Songtexte ins Deutsche stets den Zugang für das hiesige Theaterpublikum im Blick: So übersetzt er „Astrakan“ – eine in Schweden aufgrund der literarischen Vorlage nahezu legendäre Apfelsorte – schlicht mit „Apfelbaum“, was dessen symbolischer Bedeutung für Kristinas unheilbare Sehnsucht nach ihrem Heimatland auf uneitle und pragmatische Weise genügend Rechnung trägt.



Vor dem Hintergrund, dass die für das Große Haus des Theaters Koblenz konzipierte Produktion nun doch in der Interims-Unterbringung des Theaterzeltes auf dem Plateau der Festung Ehrenbreitstein stattfinden muss, hat Ausstatter Christian Binz wirklich Erstaunliches geleistet und große, eindrückliche Bilder kreiert. In der Mitte des scheunenartig gestalteten Bühnenraums hat er eine Versenkung geschaffen, die sich je nach dramaturgischer Anforderung wandelbar als karges schwedisches Ackerland oder als Schiff nutzen lässt. Im zweiten Akt findet dort ein Weizenfeld Platz, das sich durch das Zusammenspiel einer schlichten Plane mit den großartigen Videoprojektionen von Georg Lendorff schnell in eine Schneelandschaft oder eine sattgrüne Präriefläche mit Wildgras verwandeln kann.
Regisseur Markus Dietze erfindet das Rad nicht neu und erzählt die Geschichte eindringlich und stringent. Im Vergleich zur Originalinszenierung gibt er den niederschmetternden Szenen – wie etwa dem Tod von Robert – spürbar mehr Raum zum Atmen. Das verstärkt deren tragische Wirkung und nimmt dem anschließenden Szenenwechsel die abrupte Schärfe. Einzig der Szene um die Erinnerung an die verstorbene Tochter Anna zu Beginn des zweiten Aktes fehlt es an emotionaler Durchschlagskraft.
Musikalisch glänzt die Produktion über alle Maßen: Mit 40 Musikerinnen und Musikern des Staatsorchesters Rheinische Philharmonie ist der Klangkörper unter der musikalischen Leitung von Karsten Huschke sogar üppiger besetzt als die Helsinki-Fassung des Stückes, die Grundlage für die Lizenzvergabe dieser Aufführung ist. Die vier Hauptpartien sind jeweils doppelt besetzt. Bei der Premiere stehen Elena Franke als Kristina, Tobias Bieri als ihr Mann Karl Oskar, Denis Riffel als dessen Bruder Robert und Isabel Mascarenhas als Kristinas Freundin Ulrika auf der Bühne. Sowohl in gesanglicher als auch in darstellerischer Hinsicht können sie allesamt mit detailreichen und tiefgründigen Rolleninterpretationen überzeugen.
Die Finalnummer zeigt die reale Welt und Kristinas Innenleben parallel zueinander: Während Kristinas Familie im Bühnenhintergrund an ihrem Sterbebett verweilt, verspricht sie im vorderen Teil der Bühne Karl Oskar, bei ihrem geliebten Apfelbaum auf ihn zu warten. Damit setzt Dietze einen gleichermaßen schmerzhaften wie auch poetischen Schlussakkord und unterstreicht die hohe Qualität dieser Produktion.
Musikalische Leitung: Karsten Huschke • Regie: Markus Dietze • Choreografie „Wildcat Money“: Steffen Fuchs • Ausstattung: Christian Binz • Videodesign: Georg Lendorff • Licht: Julia Kaindl • Ton: Arne von Schilling • Choreinstudierung: Lorenz Höß • Dramaturgie: Andreas Wahlberg • Mit: Elena Franke (Kristina), Tobias Bieri (Karl Oskar), Denis Riffel (Robert), Isabel Mascarenhas (Ulrika), Marcel Hoffmann (Danjel), Jona Mues (Arvid), Raphaela Crossey (Fina-Kajsa), Christof Maria Kaiser (Jackson), Alexandra Turkot (Elin), Michèle Silvestrini (Inga-Lena) u.a. • Opern- und Extrachor des Theaters Koblenz • Staatsorchester Rheinische Philharmonie
Aufmacherfoto: Matthias Baus

