21.53 – zu früh, um schlafen zu gehen, zu spät, um wen anzurufen

Schrecklich schöne neue Welt

oRT
Universität der Künste Berlin
von
Ein Projekt des zweiten Jahrgangs des Studiengangs Musical/Show in Kooperation mit den Studiengängen Bühnen- und Kostümbild der Universität der Künste Berlin
Regie
Mathias Noack
UraufführunG
2024

Ein Musical über das Verlorensein im digitalen Zeitalter

Ein rotes Riesenherz platzierten Jeanot Kempf und Soli Jang vom Studiengang Bühnenbild auf der Drehscheibe im Theatersaal der Berliner Universität der Künste, außerdem Versatzelemente einer monströsen Torte. „Love Is In the Air“ dröhnt aus den Boxen. Darum geht es, beziehungsweise um das Scheitern der Liebe in Zeiten virtueller Alternativwelten. Der Titel dieser Uraufführung ist ebenso lang wie aussagewuchtig: „21.53 – zu früh, um schlafen zu gehen, zu spät, um wen anzurufen“, ein Projekt als Werkstattinszenierung, das der zweite Jahrgang des Studiengangs Musical/Show der Hochschule auf Grundlage von Elisabeth Papes Theaterstück „Alles Casual“ entwickelte. Zehn starke Frauen sind darin zu erleben und was sie dabei auf die Bretter bringen, ist uneingeschränkt sehenswert. Hoch präsent zeigt sich der talentierte Nachwuchs, darstellerisch, stimmlich und tänzerisch.

Fragen umkreisen den revuehaft ausgelegten Faden. Ist das Glas nun halbvoll oder halbleer, was ist echt, was nur Fake und was tun, wenn die Stimmung nächstens auf Moll umschlägt? Vielleicht schnell eine neue App herunterladen, online shoppen, jemanden kennenlernen oder sich einfach die angeknackste Seele aus dem Hirn reden. Die agilen Akteurinnen formieren sich als eine Art griechischer Chor, der in nahezu jeder Szene genügend Raum für ein Solo lässt. Hier manifestieren sich Sehnsüchte, Enttäuschungen, ausgebremste Leidenschaften. Permanent droht das kollektive Burn-out, weil der Konsum von Influencer-Banalitäten, Chat-Gelaber und sinnlosem Kaufrausch jede Trennung zwischen digitaler und analoger Sphäre auflöst – es sind fremdgesteuerte Wesen im Dauertransit ohne konkretes Ziel. Die von Kostümbildnerin Lara Duymuş mit synthetischen Farben und Stoffen ausstaffierten Figuren haben keine Namen; Themen und Schein-Individualität sind beliebig, austauschbar, stereotyp, darum letztlich anonym.

Hinter dem erschreckend Lapidaren werden Schicksale deutlich, Unsicherheiten. Die Frauen verstecken sich vor der realen Auseinandersetzung, flüchten in plumpe Selbstdarstellung, die sie posten oder twittern, um irgendwo Aufmerksamkeit zu erheischen. Das alles wirkt authentisch, galoppiert in zwei pausenlosen Stunden durch emotionale Brachen und addierte Illusionen, versetzt mit einem tollen Songbook, das Lieder wie „Dead Girl Walking“ aus „Heathers“, „Being Alive“ („Company“), „Forget About the Boys“ („Thoroughly Modern Millie“), „Requiem“ („Dear Evan Hansen“), „Hilflos“ („Hamilton“) oder „Ich tanz allein“ („Ku’damm 56“) raffiniert in Spannungen setzt und flottes Tempo garantiert. Regisseur Mathias Noack baut daraus ein Stück mit Tiefgang, das nur in der letzten Phase etwas lahmt, weil der inhaltliche Bogen dann doch leicht überreizt scheint. Choreograf Bart de Clerq bringt das Ensemble bestens und mit oft überraschenden Einfällen in Bewegung, Damian Omansen destilliert am Solo-Klavier die Essenzen aus den Songs und leitet die Cast durch den abwechslungsreichen musikalischen Parcours.

Sämtliche Beteiligten haben ihren großen Moment, spielen und singen ihre Begabung auf den Punkt, lassen mit einem trefflich ausbalancierten Lied buchstäblich aufhorchen: Tatonka-Danaë Brunner, Johanna Eid, Charlotte Fischer, Olivia Goga, Teresa Hank-Gómez, Lara Körner, Samantha Mayer, Melina Niccum, Insa Ommen und Alicia Reuß. Alle verdienen sich an diesem atmosphärisch dichten Abend ihre Meriten, u.a. mit einer herrlichen Parodie auf maskuline Attitüden in entsprechenden Masken. Fast am Schluss taucht tatsächlich ein leibhaftiger Mann (Fabio Kopf) auf, der prompt geehelicht werden soll, weil das offenbar dazugehört. Das ist ihm zu viel, er stakst verdutzt davon. So geht das wohl in modernen Zeiten, traurig und wahr. Am Ende legen die Frauen ihre Smartphones auf den Boden, wollen ihr unterdrücktes Ego entdecken, aber wie? „Tobi“ schallt es aus dem dunklen Raum, der kann jedoch hier nicht helfen. Tosender Applaus belohnt den musicalisierten Spaziergang durch digitale Welten.


Werkstattinszenierung unter Verwendung von Auszügen aus „Alles Casual“ von Elisabeth Pape mit Musik diverser Komponistinnen und Komponisten

Musikalische Leitung: Damian Omansen • Choreografie: Bart de Clercq • Kostüme: Lara Duymuş • Bühne: Jeanot Kempf und Soli Jang • Licht: Miriam Damm • Mit: Tatonka-Danaë Brunner, Johanna Eid, Charlotte Fischer, Olivia Goga, Teresa Hank-Gómez, Lara Körner, Samantha Mayer, Melina Niccum, Insa Ommen, Alicia Reuß, Fabio Kopf

Aufmacherfoto: Daniel Nartschick

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