Kopfkino – Ein Filmmusical

Verwirbelnde Stimmen im Hirn

Ort
Ballhaus Prinzenallee Berlin
VON
Thomas Zaufke (Musik)
Peter Lund (Buch)
Regie
Dimitar Mitko Valtchev
Uraufführung
2017

Zaufkes und Lunds „Kopfkino“ als hervorragende Amateur-Produktion

Endlich ist Lennard mal spontan. Er hat seine Familie im spießig biederen Pforzheim gründlich satt und flieht nach Berlin. Dort warten Großstadt-Moloch und pures Chaos. Das bedrängt ihn mächtig, schlimmer noch: Er hört Stimmen. Gleich sechs davon wummern und geifern in seinem Schädel, verwirbeln ihn pausenlos, bis zur Tatenlosigkeit. Sie reisen natürlich mit in die brodelnde Metropole, bringen den konfusen Neuankömmling fast um den Verstand, weil es jeder besser weiß und ihn mit Ratschlägen bombardiert. Lennard vagabundiert durch das veränderte Leben ohne Navigation, verliert sich in Gefühlsduseleien, Drogen, Lügen. Irgendwie findet er dann doch den Weg aus dem Dilemma, unterstützt von seiner Schwester Mona.

Aus diesem Plot haben Thomas Zaufke (Musik) und Peter Lund (Buch) ein kurzweiliges, spannendes Musical entwickelt, das auch auf der Leinwand funktioniert und bei einem Independent-Festival in New York prämiert wurde. Nach der erfolgreichen Uraufführung 2017 an der Neuköllner Oper kommt „Kopfkino“ nun erneut in Berlin heraus, dieses Mal als hochkarätige Amateur-Produktion von Stageink im Ballhaus Prinzenallee.

Lennards Hirngespinste agieren auf der Bühne natürlich als echte Figuren: Die punkig aufrührerische Tess (Christine Milo), der cool erotisierte Businesstyp Boris (Daniel Wollförster), die harmoniesüchtig legere Helena (Nicola Daro), der panisch ängstliche Jürgen (Sven Edthofer), die vernünftig distinguierte Sophia (Elena Feuß) und der naiv pubertierende Theo (Renja Schmakeit) hämmern ihm völlig divergente Botschaften ins Gemüt. Lennards Neuköllner Mitbewohner-Duo Fine (Anna Idahl) und Ben (Matthias Busch) fördert das innere wie äußere Desaster mit Sex-Avancen, Rauschgift und abgedroschenen Politparolen. So hockt der 20-Jährige zerrissen zwischen amourösen Wallungen und täglichen Herausforderungen in seinem schäbigen, aber überteuerten WG-Loch. Bis seine totgesagte Schwester Mona (Julia Spang) plötzlich auftaucht und für mehr Struktur im Seelengewitter ihres Bruders sorgt.

Das praktikable Bühnenbild (Camila Ivana Vargas Pardo und Omar Sherif) mit authentischer Wohngemeinschafts-Atmosphäre und Videosequenzen schafft den sorgfältig gestalteten Rahmen für die elektrisierte Handlung, choreografisch erfrischend aufgepeppt von Daniela Reitenbach und Elena Feuß. Lukas Bosses Kostüme unterstreichen die Charaktere der Protagonisten markant und die ausgetüftelte Inszenierung von Dimitar Mitko Valchev (im Gespann mit Matthias Busch) führt die verzwickten Handlungsstränge mit Finesse zusammen, streut in die raschen Wechsel immer wieder stillere Momente.

Die Band spielt unter Leitung von Oliver Wunderlich famos, gibt den Songs von Thomas Zaufke jeweils passende Glasur, oft im Balladenton, dann eher aufgedreht. Die Musik integriert sich nahtlos in Peter Lunds ausgefeilte Texte, Titel wie „Die Spüle leckt“, „Bla Bla Bla“, „Wohnungsbesichtigung“, „Wutanfall“ oder „Horrortrip“ leuchten die emotionalen Schwankungen wunderbar aus.

„Kopfkino“ wirkt in keinem Augenblick laienhaft – im Gegenteil, die Akteure sind mit pulsierender Leidenschaft und staunenswertem Können dabei, voran der omnipräsente Lukas Bosse als mal zaudernder, dann unternehmungslustiger Lennard. Ihnen gelingen viele ganz starke, hervorragend austarierte Szenen mit expressiv ausgemeißelten Konturen. Alle singen, spielen und tanzen in Profi-Manier: eine Musical-Produktion mit bestem Qualitätssiegel.


Musikalische Leitung: Oliver Wunderlich • Bandleitung: Konstantin Hofmann • Co-Regie: Matthias Busch • Choreografie: Daniela Reitenbach und Elena Feuß • Bühne: Camila Ivana Vargas Pardo und Omar Sherif • Kostüme: Lukas Bosse • Mit: Lukas Bosse (Lennard), Anna Idahl (Fine), Matthias Busch (Ben), Julia Spang (Mona), Daniel Wollförster (Boris), Elena Feuß (Sophia), Renja Schmakeit (Theo), Nicola Daro (Helena), Christine Milo (Tess), Sven Edthofer (Jürgen) u.a.

Aufmacherfoto: Judith Gilleßen

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