La Cage aux Folles

Hommage an die Vielfalt

oRT
Bühnen Bern
von
Jerry Herman (Musik)
Harvey Fierstein (Buch)
Regie
Axel Ranisch
Uraufführung
1983

„La Cage aux Folles“ begeistert mit einem hinreißenden Feelgood-Spektakel

Dem Kreativteam rund um Regisseur Axel Ranisch ist eine sympathische und nahbare Feelgood- Produktion gelungen. Die Bühnen Bern setzen einmal mehr auf eine hervorragende Besetzung. Das Spiel beginnt mit einem auf den Eisernen Vorhang projizierten Zelluloidfilm mit Postkarten aus Saint-Tropez und dem dortigen Knast. Dann tritt Tobias Bonn als Georges vor den roten Vorhang und zieht das Publikum vom ersten Moment an in seinen Bann. Sein Spiel ist souverän, die Singstimme warm und melancholisch, mit herausragender Stimmdynamik. Er ist der ruhige Gegenpol zu Christoph Marti als Albin/Zaza, dem die Rolle des hochemotionalen, verletzlichen und charismatischen Travestie-Diven perfekt auf den Leib geschrieben ist.

Die beiden Mitglieder der „Geschwister Pfister“ sind ein eingespieltes Team. Beide sind äußerst ausdrucksstark, wenn auch an den Enden der Skala stärker als in den Zwischentönen. Martis schönes Timbre macht jedes Lied zu einem Genuss. Im Laufe des Stücks verschmilzt er immer mehr mit der Rolle, seine Ausstrahlung und Bühnenpräsenz nehmen zu. Als er im „Judy Garland memorial outfit“ vor den roten Vorhang tritt und mit dem Maestro, dem Orchester und dem Publikum scherzt, ist er in seinem Element und vollends angekommen. Gesanglich wäre bei seinem Paradesong „I Am What I Am“ sicher mehr drin. Aber das tut der Wirkung keinen Abbruch, denn man glaubt ihm jeden Ton und jedes Wort. Mimik, Gestik und Körpersprache sind bei Bonn und Marti phänomenal.

Auch der Rest des Ensembles ist überwiegend stark: allen voran Laurent N’Diaye in der Rolle des exaltierten Butlers Jacob, der bei seinen Auftritten allen die Show stiehlt. Wolfram Föppl als Georges’ Sohn Jean-Michel beginnt verhalten, wird aber im Laufe des Stückes immer stärker und überzeugt mit einer ganz eigenen, schönen Stimme und eindringlichem Spiel. Seine Herzensdame Anne (Beatrice Reece) wirkt fast ein wenig übermotiviert. Ihre Stimme ist stark, schauspielerisch wäre an manchen Stellen weniger mehr gewesen. Ihre Eltern, verkörpert von Jan Henning Kraus und Sylvia Heckendorn, überzeugen als bieder-konservative Normalbürger ebenso wie Silvia Maria Jung als Restaurantbesitzerin Jaqueline.

Und dann sind da noch die Cagelles, die Nachtclub-Atmosphäre, viel Herzblut und das komplette Spektrum der Diversität auf die Bühne bringen: jede(r) von ihnen ein Unikat mit einzigartiger Persönlichkeit. Sie tragen die Handlung, sind Projektionsfläche für die Choreografien von Alex Frei, die sie hervorragend, wenn auch nicht immer ganz synchron umsetzen, und für die Kostüme von Axel Aust. Kleidung als Ausdruck der Persönlichkeit: Der Fantasie sind in diesem Stück keine Grenzen gesetzt. Herausgekommen sind provokante, ausdrucksstarke Outfits mit Fokus auf Form und Textur in der Farbskala Schwarz, Silber und Weiß mit Regenbogenakzenten und viel Glitzer – passend und einzigartig.

Das Herzstück von Falko Herolds Bühnenbild ist in den gleichen Schwarz-Weiß-Tönen gehalten. Die Rückwand des Wohnzimmers von Georges und Albin wird von einem überdimensionales Kussfoto der beiden dominiert. Die zahlreichen Szenenwechsel sind dank der Drehbühne schnell und fließend. Originell ist die Darstellung des Nachtclubs mit den riesigen Buchstaben ZAZA und die Szene mit der riesigen Pride-Flagge. Der Rest der Bühnenausstattung lässt ein wenig den roten Faden vermissen und wirkt teils altmodisch und uninspiriert. Sehr gelungen dagegen wieder das Schlussbild im besagten Wohnzimmer: Das Kussbild ist zurück, diesmal live und in Farbe.

Alles in allem ein toller Musicalabend und eine gelungene Hommage an die „Damen und Herren und alle dazwischen“, verstärkt durch die kraftvollen und wunderschönen Klänge des großen Berner Symphonieorchesters unter der Leitung von Hans Christoph Bünger. Das Ensemble wird am Premierenabend mit Jubel und Standing Ovations gefeiert.


Musikalische Leitung: Hans Christoph Bünger • Bühne: Falko Herold • Kostüme: Axel Aust • Choreografie: Alex Frei • Licht: Christian Aufderstroth • Mit: Christoph Marti (Albin/Zaza), Tobias Bonn (Georges), Laurent N’Diaye (Jacob), Wolfram Föppl (Jean-Michel), Beatrice Reece (Anne Dindon), Jan Henning Kraus (Edouard Dindon), Sylvia Heckendorn (Marie Dindon), Silvia Maria Jung (Jaqueline), Tom Zahner (Francis), Arne David (Nicole), Arthur Büscher (Angelique), Angela H. Fischer (Hanna), Andreas Goebel (Clo-Clo), Sara Hidalgo (Phädra), Denis Lakey (Chantal), Matthias Schuppli (Mercedes) • Berner Symphonieorchester

Aufmacherfoto: Florian Spring

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