AVENUE Q. Emily Benjamin Kate Monster Charlie McCullagh and Meg Hateley Trekkie Monster. Photo by Matt Crockett | MUSICAL TODAY

Avenue Q

Puppen in der Sinnkrise

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West End (Shaftesbury Theatre)
von
Robert Lopez und Jeff Marx (Musik, Liedtexte und Originalkonzept)
Jeff Whitty (Buch)
Regie
Jason Moore
Uraufführung
2003

„Avenue Q“ überzeugt mit Witz, Biss und erstaunlicher Aktualität 

2004 sorgte „Avenue Q“ für Aufsehen, als es bei den Tony Awards „Wicked“ in der Kategorie Bestes Musical ausstach. Jetzt ist das Stück zurück im West End. Die bissige Show, in der Puppen und Menschen in einer deutlich an die „Sesamstraße“ angelehnten Ästhetik zusammen agieren, verhandelt im bewussten Gegensatz zur kindlich anmutenden Oberfläche gesellschaftlich heikle Themen – von Rassismus über Sexualität bis hin zur existenziellen Sinnsuche. Das Erfolgsrezept? Der Kontrast zwischen diesen Inhalten und der unschuldig-naiven Puppenästhetik – in Kombination mit dem unbändigen Optimismus der Figuren. Songs wie „Everyone’s a Little Bit Racist“ sind zwar heute weniger schockierend als vor 20 Jahren, ihre gesellschaftliche Relevanz haben sie jedoch (leider) nicht verloren.

Im Zentrum der Handlung steht Princeton, der nach seinem College-Abschluss in die titelgebende Avenue Q zieht und dort mit der harten Realität des Erwachsenseins konfrontiert wird – allen voran unbezahlte Rechnungen, Beziehungsprobleme und die Frage nach der eigenen Bestimmung. Das durchweg stimmig besetzte Ensemble wird von Noah Harrison angeführt, der als Princeton der klare Sympathieträger des Abends ist, aber auch in seiner Rolle als neurotisch-überdrehter Rod überzeugt. Harrison gelingt es, Rod, der im Verlauf des Stücks lernt, seine Sexualität zu akzeptieren, mit reichlich komischer Überzeichnung zu spielen, ohne ihn zur Karikatur werden zu lassen.

Eine fulminante schauspielerische Doppelleistung liefert auch Emily Benjamin, die sowohl Princetons Love-Interest Kate Monster als auch ihre Gegenspielerin Lucy the Slut mit ansteckender Energie verkörpert. Benjamins stimmliche Flexibilität, durch die sie mühelos zwischen verruchtem Vamp und quietschend hoher Puppenstimme wechselt, zeigt sich in den Szenen, in denen sie beide Figuren gleichzeitig spielt, besonders eindrucksvoll. Zudem liefert sie mit dem jazzig-rauchigen „Special“ sowie der eindringlichen Ballade „There’s a Fine, Fine Line“ klar die musikalischen Höhepunkte des Abends.

In weiteren Rollen glänzen Charlie McCullagh als Rods sorgloser Mitbewohner Nicky und Oliver Jacobson als gescheiterter Komiker Brian. Amelia Kinu Muus gelingt es, trotz bewusst stereotypem Akzent die aus Japan stammende Christmas Eve – die wohl problematischste Figur des Stücks – liebenswert und nahbar zu zeichnen. Dionne Ward-Anderson spielt den (realen) ehemaligen Kinderstar Gary Coleman zwar herrlich komisch, doch die karikatureske Anlage der Figur besitzt einen gewissen Beigeschmack.

Anna Louizos’ Bühnenbild funktioniert auch in vergrößerter Version auf der Bühne des Shaftesbury Theatre bestens und spiegelt, ebenso wie die detailverliebten Kostüme von Jean Chan, die Puppenästhetik klug wider. Die fünfköpfige Band (Musical Director: Benjamin Holder) performt den fetzigen Score – einer der größten Pluspunkte des Musicals – mit dem nötigen Drive. Die Songs von Robert Lopez und Jeff Marx verbinden dabei kluge Pointen mit satirischer Schärfe und eingängigen Melodien, die noch lange nach der Vorstellung im Ohr bleiben.

Die neue Londoner Produktion hält sich eng an die Originalinszenierung von Jason Moore (der auch hier Regie führt), aktualisiert das Buch von Jeff Whitty jedoch an einigen Stellen dezent: So wird etwa eBay zum Facebook Marketplace oder aus Princetons Mixtape eine Spotify-Playlist. Letzteres wäre nicht unbedingt notwendig gewesen, da es zu leicht sperrigen Anpassungen im Liedtext führt – und das Stück auch ohne solche Eingriffe erstaunlich zeitlos funktioniert. Insgesamt ist „Avenue Q“ auch in dieser Produktion ein enorm unterhaltsames und doch bissiges Musical, das vor allem aufgrund seiner starken Songs längst zu den modernen Klassikern des Genres zählt.


Music Supervision: Stephen Oremus • Musikalische Leitung: Benjamin Holder • Regie: Jason Moore • Puppenkonzept und -design: Rick Lyon • Choreografie: Ebony Molina • Bühne: Anna Louizos • Projektionen/Videodesign: Nina Dunn for Pixellux • Kostüme: Jean Chan • Licht: Tim Lutkin • Sounddesign: Paul Groothuis • Mit: Emily Benjamin (Kate Monster/Lucy the Slut), Noah Harrison (Princeton/Rod), Meg Hateley (Mrs T/Bad Idea Bear u.a.), Oliver Jacobson (Brian), Charlie McCullagh (Nicky/Trekkie Monster/Bad Idea Bear), Amelia Kinu Muus (Christmas Eve), Dionne Ward-Anderson (Gary) u.a.

Aufmacherfoto: Matt Crockett

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