The Who’s Tommy

Gefangen im Spiegel

oRT
Broadway (Nederlander Theatre)
von
Pete Townshend (Musik)
Pete Townshend & Des McAnuff (Buch)
Regie
Des McAnuff & Michael Bello
Uraufführung
1993

Spektakuläres Revival der legendären Rockoper „The Who’s Tommy“

Schon bald nachdem die Rockgruppe The Who im Jahr 1969 das Konzeptalbum „Tommy“ veröffentlicht hatte, wurde es zu einem ikonischen Klassiker einer ganzen Generation und verband zwei ausdrucksstarke, miteinander verwandte Genres: Oper und Musical. Nachdem das Stück 1975 mit einer Starbesetzung verfilmt worden war, wurde die New Yorker Bühnenpremiere 1993 erneut zum Riesenerfolg und lief 899 Vorstellungen lang. Die jetzige Produktion ist tatsächlich die erste Rückkehr an den Broadway, und für ein Revival fällt sie wahrhaft spektakulär aus.

Im Gegensatz zu den meisten Jukebox-Musicals profitierte „Tommy“ schon immer von zwei bedeutenden Aspekten: von einer kohärenten, gut aufgebauten Handlung und von Songs, die eigens zur Überhöhung dieser Handlung geschrieben wurden, die aber gleichzeitig deutlich die Entwicklung des Stücks als Rockalbum aufzeigen. Wie Pete Townshend, der Kopf von The Who, einst anmerkte: „‚Tommy‘ ist eine sehr andere Broadway-Show … Sie beschwört den Geist der theatralischen Erfahrung herauf, aber sie erzeugt auch eine neue, ganz eigene Spannung.“

In der gewandten Regie von Des McAnuff, der an Townshends Musical-Buch mitgewirkt und schon damals das Original inszeniert hatte, besitzt „Tommy“ seit jeher ein sehr dramatisches Rückgrat, das es eher zur Rockoper als zum reinen Musical macht. Das Stück hat bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt und wirkt durch die aktuelle Vision noch großartiger, regietechnisch stark verdichtet und vertieft.

Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre. Der kleine Junge Tommy wurde traumatisiert, nachdem er in einem Spiegel gesehen hat, wie sein Vater – ein totgeglaubter britischer Flieger, der während des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft war und völlig überraschend nach Hause zurückkehrt – den neuen Freund seiner Frau ermordet. Als Reaktion darauf isoliert sich Tommy von der Außenwelt, reagiert nicht mehr, spricht nicht mehr und steht oft einfach da, um sein eigenes Bild in demselben Spiegel zu betrachten, in dem er den Vorfall gesehen hat.

Als er heranwächst, verstärkt sich sein Trauma, weil ihn sein Cousin Kevin seelisch quält und sein Onkel Ernie ihn sexuell missbraucht. Das verstärkt seine Isolation weiter. Er verbringt noch mehr Zeit damit, sein Spiegelbild zu betrachten. Schließlich zerschlägt seine verzweifelte Mutter den Spiegel und zerbricht damit den Bann, der Tommy isoliert hatte. In McAnuffs Inszenierung wirkt die Geschichte regelrecht explosiv, vor allem durch die kulissenlos-nackten, elektronisch gestalteten Bilder von David Korins (Bühne), Peter Nigrini (Projektionen) und Amanda Zieve (Lichtdesign). Aus ihrer Zusammenarbeit ergibt sich eine Mischung aus Schwarz-Weiß-Bildern, die ihre ultimativen Mittel in grellen Lichtblitzen und Mehrfachprojektionen finden und der Show eine wahrhaft erstaunliche Optik verleihen.

Die Songs wie „See Me, Feel Me“, „Do You Think It’s Alright?“, „The Acid Queen“, „Pinball Wizard“, „Tommy Can You Hear Me?“, „I’m Free“ und viele andere sind den meisten Zuschauern bereits bekannt. Sie profitieren enorm von der Kraft des großen Ensembles, angeführt von Ali Louis Bourzgui als Tommy, Alison Luff als seiner Mutter, Adam Jacobs als seinem Vater, John Ambrosino (Onkel Ernie), Bobby Conte (Cousin Kevin) und vor allem Christina Sajous als Acid Queen. Für zusätzliche Spannung sorgt die große Energie in Lorin Latarros Choreografien: Sie setzt vor allem auf die Rock-Akzente in den Tanznummern und macht sie unglaublich kraftvoll.

Fans von The Who und „Tommy“ werden diese Inszenierung garantiert großartig finden. Aber auch Menschen, die das Stück weniger kennen, dürften begeistert sein von dieser außergewöhnlichen und, das sollte nicht unerwähnt bleiben, außerordentlich lauten Aufführung mit Schlagzeug-Akzenten, wie man sie am Broadway nur selten hört.

(Übersetzung: Angela Reinhardt)


Musikalische Leitung: Rick Fox • Choreografie: Lorin Latarro und Dee Tomasetta • Bühne: David Korins • Kostüme: Sarafina Bush • Projektionen: Peter Nigrini • Licht: Amanda Zieve • Sounddesign: Gareth Owen • Kampfregie: Steve Rankin • Mit: Ali Louis Bourzgui (Tommy), Alison Luff (Mrs. Walker), Adam Jacobs (Captain Walker), John Ambrosino (Uncle Ernie), Bobby Conte (Cousin Kevin), Christina Sajous (Acid Queen) u.a.

Aufmacherfoto: Matthew Murphy & Evan Zimmerman

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