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No, No, Nanette!

Gelungene Frischzellenkur

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Venue
Opéra de Reims
by
Vincent Youmans (Musik)
Otto Harbach, Frank Mandel und Burt Shevelove (Buch)
Irving Caesar und Otto Harbach (Liedtexte)
Christophe Mirambeau (Französische Adaption)
Direction
Emily Wilson und Jos Houben
World premiere
1924

Köstliche Einfälle für Youmans’ „No, No, Nanette!“ 

Nachträglich zum 100. Geburtstag verpasst die Opéra de Reims im Verbund mit den Frivolités Parisiennes dem frühen Musical „No, No, Nanette!“ von Vincent Youmans eine willkommene Frischzellenkur – und punktet damit auf ganzer Linie.

Das beginnt beim originellen, wenn auch minimalistischen Bühnenbild, das nur aus roten, gelben und orangefarbenen Hängern besteht und flexibel mal das weite Strandbild, mal ein intimes Zimmer repräsentiert. Es ist ein idealer Rahmen für die Geschichte um den Bibel-Verleger Jimmy Smith, der sich mit Hilfe seines Freundes Billy seiner verflossenen Liebschaften entledigen will und außerdem seines Mündels Nanette, die bei allem „No, No“ doch nur am bunten Leben teilnehmen möchte. Im fabelhaft schlichten Bühnenbild von Oria Puppo, die auch für die stilechten 1920er-Jahre-Kostüme verantwortlich zeichnet, wirken die Szenen (Regie: Emily Wilson und Jos Houben) wie in einer Vitrine ausgestellt.

Ohne unnötigen Pomp gelingt es trotz der etwas surrealen Bühnenumgebung vortrefflich, eine rasante, spannungsgeladene und temporeiche Komödie à la Georges Feydeau auf die Bühne zu bringen, ohne dabei uncharmant zu sein – im Gegenteil! Befeuert durch köstliche inszenatorische und choreografische Einfälle (etwa der Boxkampf der drei Verflossenen) wird die Geschichte auch in den Tanzszenen pointiert forterzählt – weit über das Maß des effekthascherischen Showstoppers hinaus. Perfekt dargeboten wird dies vom unisono rot-schwarz gekleideten Tanzensemble, das im ganzen Stück kommentierend dabei ist und höchst fantasievoll mit bunten geometrischen Figuren (Dreiecken, Trapezen, Vierecken) die „fehlende“ Ausstattung ersetzt – und damit am Ende einer bürgerlich-verstockten Gesellschaft und deren Doppelmoral den Spiegel vorhält.

Weit weg von harmlos-naturalistischem Kitsch entführt die Inszenierung so in eine wunderbare, Fantasie und Geist anregende, espritvoll-abstrakte Welt, die sich musikalisch einiger zusätzlicher Melodramen bedient, die bis zur Opernparodie getrieben werden. Gleich vier Arrangeure haben ganze Arbeit geleistet und die Orchestrierung für das 20-köpfige Orchester stilistisch einerseits der französischen Comédie musicale der 1920er Jahre angenähert und andererseits Anleihen späterer Broadway-Fassungen einbezogen, vor allem in den Tanzszenen. Das alles wirkt wie aus einem Guss und ist von federnder Leichtigkeit. Benjamin Pras, der vom Klavier aus dirigiert, bringt Youmans’ Musik beseelt und mit Verve, stets aus der Szene entwickelt zum Blühen. Das Orchester groovt und swingt, dass es eine Wonne ist!

All das überzeugt vollauf – ebenso die exzellente Besetzung aus vor allem Musicalsängern, die wohltuend natürlich singen und sich musikalisch wie spielerisch mit atemberaubender Präzision und sehr charmant auf die Komödie einlassen. Die ganze Cast agiert in allen Belangen auf derart hohem Niveau, dass es unmöglich ist, einzelne Leistungen besonders hervorzuheben.

Ein Name muss am Ende doch genannt werden: Christophe Mirambeau, Co-Direktor der Opéra de Reims und ausgewiesener Spezialist für die Operette sowie das Musical der 1920er Jahre. Er war es, der durch eine kluge, handwerklich perfekte, espritvolle Neu-Übersetzung und eine auf den Punkt genau passende dramaturgische Fassung der oft als verstaubt belächelten „No, No, Nanette!“ eine willkommene Frischzellenkur verpasste. Er erzählt das 1924 entstandene Musical für ein heutiges Publikum so vital, als sei das Stück erst gestern geschrieben worden.

In allen Punkten ist der Opéra de Reims und den Frivolités Parisiennes ein fesselndes, mitreißendes, lustvoll unterhaltendes Gesamtkunstwerk gelungen: echtes Musiktheater für jede und jeden. Das Premierenpublikum dankt es mit verdienten Standing Ovations und Bravo-Rufen. Die Produktion gastiert an weiteren Orten und wird dann eine Woche lang in Paris gezeigt.


Musikalische Leitung: Benjamin Pras • Regie: Emily Wilson und Jos Houben • Choreografie: Caroline Roëlands • Ausstattung: Oria Puppo • Licht: Bruno Marsol • Sounddesign: François Lanièce, Marie Attard und Youn Le Néün • Mit: Marion Préïté (Nanette), Marie-Elisabeth Cornet (Pauline), Lauren Van Kempen (Lucille Early), Caroline Roëlands (Sue Smith), Loaï Rahman (Tom Trainor), Arnaud Masclet (Jimmy Smith), Ronan Debois (Billy Early), Véronique Hatat (Flora Latham), Maeva Simonnet (Betty Brown), June Van Der Esch (Winnie Winslow) • Ensemble et Orchestre „Les Frivolités Parisiennes“

Aufmacherfoto: Antoine Billet

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