
Die Uraufführung „Im Auge des Sturms“ thematisiert das Finden zu sich selbst
Ein Mädchen flüchtet vor einem lebensbedrohlichen Sturm in eine Kirche – das einzige Gebäude, das weit und breit noch steht, wie wir im Laufe der spannenden Geschichte erfahren. Drinnen harrt eine Gruppe Jugendlicher schon länger aus, immer mal wieder muss jemand hinaus, um Lebensmittel zu suchen. Lila, so heißt das einsame Mädchen, trifft auf den verantwortungsbewussten Anführer Trito, auf die selbstsichere und gütige Pepper, den fröhlichen Felix und eine Menge anderer, die hier Zuflucht gesucht haben. Mit einer völlig neu erfundenen, nicht adaptierten Geschichte feiert das Musical „Im Auge des Sturms“ als Koproduktion mit dem Förderverein Queeres Musiktheater e.V. Premiere im Kulturforum Fürth.
Nach und nach erfahren wir die verschiedenen Lebensgeschichten, hören von toten Omas und glücklichen Ferien, von der Scham der Eltern über ihr Kind und von Monstern, die sie jede Nacht im Schlaf quälen. Bis auf kurze Anfälle von Lagerkoller versteht sich die Gemeinschaft gut, man tröstet einander und steht sich bei. Auch bei der Identitätsfindung, denn der starke Trito gibt schließlich zu, sich weder als Mann noch Frau zu fühlen, Lila und Pepper finden zueinander. Dann aber erkennt Tritos kleiner Bruder den Sturm als Gottes Strafe für so viel Queerness …
Nic Schilling, auch für die Bandleitung verantwortlich, hat eine erstaunlich reiche Musik geschrieben, die mit jedem Song Neues enthüllt – die Lieder lassen in die Seele der Figuren blicken, schildern subtil die Geborgenheit oder Nervosität in der Kirche. Sie sitzen genau an den richtigen Stellen und der Übergang vom Dialog in Musik wirkt natürlich. Die Stil- und Formenvielfalt ist erstaunlich – es gibt klassische Balladen, mehrstimmige Chorsätze mit Melismen oder komponierte Dialoge, die Rap-Verse gegen eine poppige Melodie setzen. Einflüsse der modernen Klassik sind ebenso spürbar wie die Liebe zu Sondheim, in Binnenreimen und vor allem in der sehr engen Umarmung von Musik und Text.
Das Kirchenschiff ist passend zwischen den Holzsäulen des alten Saales platziert, das Publikum sitzt nah am Geschehen. Regisseurin Nele Neugebauer interessieren vor allem die Beziehungen der Jugendlichen untereinander, besonders innig etwa, wenn sich Lila und Pepper ihre Liebe gestehen. Neugebauers kleine, bewegungsintensive Choreografien passen zur Stimmung der jeweiligen Songs, man kann sich das Werk aber auch ohne Tanz vorstellen.
Michaela Thurner singt die Lieder der einsamen Lila mit leicht geführter und grenzenloser Stimme, stark klingt auch Clara Marie Hendel als Pepper. Trito ist eigentlich eine tolle Rolle – der Starke, auf den sich alle verlassen, kämpft mit einem großen Geheimnis. Dafür wirkt Alex Irrgang aber nicht rätselhaft genug, verändert sich auch kaum durch das befreiende Coming-out. Sympathisch, aber ein wenig zu fröhlich spielt Felix Freund den Felix, Mascha Kamenskikh ist der aufsässige Quentin.
Wenn am Ende der Sturm tatsächlich aufhört, bleiben bei aller Erleichterung doch einige inhaltliche Fragen: Warum etwa scheinen die Jugendlichen völlig allein auf der Welt zu sein, wollen aber am Ende zu ihren Eltern zurückkehren? Ob man wirklich über die korrekten Pronomen für nichtbinäre Menschen reden muss, wenn draußen die Welt untergeht, das thematisieren die drei Buch-Autoren Annabell Strobel, Isa Fallenbacher und Nic Schilling schon selbst: „Die Welt liegt in Trümmern und ich frag mich wer ich bin“, heißt es in einem Song.
Der Sturm ist hier nur ein Symbol für das, was auf Jugendliche beim Heranwachsen einprasselt – er endet, wenn sie zu sich finden. Es geht nicht nur um die sexuelle Orientierung, sondern ganz allgemein darum, Gewissheit zu finden – woran man glaubt, wem man vertrauen kann, wohin man will im Leben. All das, wofür die englische Sprache den schönen Ausdruck „Coming of Age“ bereithält, wird hier mit großer Empathie verhandelt. Gemeinschaft hilft, Darüber-Sprechen hilft, eine Umarmung tröstet – das ist die schöne, wichtige Moral von „Im Auge des Sturms“.
Musikalische Leitung: Nic Schilling • Regie und Choreografie: Nele Neugebauer • Bühne: Andreas Braun • Licht: Lucas Rohleder • Dramaturgie: Annabell Strobel • Mit: Alex Irrgang (Trito), Michaela Thurner (Lila), Clara Marie Hendel (Pepper), Felix Freund (Felix), Mascha Kamenskikh (Quentin)
Aufmacherfoto: Stella Fritz




