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Jesus Christ Superstar

Wenn der liebe Gott ein Musical-Fan ist

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Venue
Burgfestspiele Bad Vilbel
by
Andrew Lloyd Webber (Music)
Tim Rice (Liedtexte)
Timothy Roller (Deutsche Fassung)
Direction
Annette Lubosch
World premiere
1971

Ein großartiger Hauptdarsteller für „Jesus Christ Superstar“

Der Premierentag ist heiß, strahlend steht die Sonne am Himmel, Publikum und Menschen auf der Bühne sind allseits gut gelaunt. Bis zur vorletzten Szene: Jesus-Darsteller Antonio Calanna geht einen schräg gestellten Tisch etwa zwei Meter nach oben, dreht sich um, breitet die Arme aus, als würde er nun am Kreuz hängen. In dem Moment ein unglaublich lauter Donner und so stark einsetzender Wind, dass sich die Bäume rund um das alte Wasserschloss laut wiegen. Nach den Worten „Es ist vollbracht“ einsetzender Starkregen. Langsam geht Jesus wieder hinunter und das Stück endet. Alle sind komplett durchnässt, aus dem strahlenden Himmel wurde binnen Sekunden finstere Nacht.

Dieses starke Szenario gebührt der Darstellung Calannas. Der Italiener glänzt erstmalig in der Rolle des Jesus, kennt die Show aber aus anderen Inszenierungen, wo er beispielsweise schon Judas spielte. Mit langen dunklen Haaren und Vollbart sieht er nicht nur entsprechend aus, sondern singt sich mit bravouröser Sicherheit durch die schwierige Partitur: mal sanft im Umgang mit Maria, mal laut und mit starker Popstimme im Diskurs mit Judas und schließlich mit langem Screaming bei „Gethsemane“ im Zwiegespräch mit seinem Vater am Fuße des Ölbergs, nachdem er von seinen Jüngern allein gelassen wurde. Allein für ihn lohnt sich der Besuch der Show!

Die neue deutsche Übersetzung von Timothy Roller ist eine erhebliche Verbesserung gegenüber der ersten von Anja Hauptmann aus dem Jahre 1972. Roller bleibt näher an der Bildsprache des Originals, übersetzt sprachlich moderner und singbarer, doch bereitet auch sein Text den nicht-muttersprachlichen Darstellern weiterhin große Mühe. Auch als Fan guter deutscher Übersetzungen hätte man vielleicht doch beim englischen Original bleiben sollen.

Als Judas Ischariot steht Dani Spampinato auf der Bühne. Gerade noch „Mrs. Doubtfire“, zeigt er seine Wandelbarkeit und ist ein starker Freund und Gegenspieler Jesus. Auch er versteht es, mit rockigem Sound eine starke Performance abzuliefern, wie beispielsweise bei der Eröffnungsnummer „Blind vom Himmelslicht“. Die wenigen gemeinsamen Szenen zwischen Calanna und Spampinato sind sicherlich ein Highlight dieser Inszenierung von Annette Lubosch. Sie entscheidet sich, die Beziehungsverhältnisse klar zu zeichnen: Maria Magdalena als Partnerin und Judas als guter Freund, der später den Verrat übt. Hier bleibt wenig Raum für Interpretation. Leider gerät so auch die Rolle der Maria Magdalena sehr brav. Gleiches gilt für den Gesang von Lena Poppe: Sie hält sich mit schöner und gut geführter Stimme an die Partitur, wodurch den Songs Soul und Raffinesse fehlt.

Generell wartet Luboschs Inszenierung mit einigen guten Ideen auf, die aber gelegentlich nicht zu Ende gedacht wirken. Beispielsweise spielt die Herodes-Szene in einer Sauna. Emanuel Jessel bekommt einen goldgelben Saunakilt und eine paillettenbesetze Kappe auf, marschiert über die beiden zusammengestellten kippbaren Tische/Podeste, an deren Seite Gespielinnen laszive Bewegungen andeuten. Am Ende des Tisches kniet Jesus. Er wird zwar ausgelacht, doch geschieht in der Szene nichts weiter. Bis auf ein paar Wasserkanister und ein paar große Tücher, die, über Bühnenteile geworfen, eine bergige Landschaft andeuten, gibt es keine weitere Ausstattung. So spielt das Profi-Ensemble, ergänzt um den Laien-Chor BelVoce, gelegentlich ins Leere.

Die Kostüme von Cosima Winter und die Choreografien von Stefanie Schwendy sind angemessen und ergänzen die Szenerie sinnvoll. Leider schlägt Nicolas Mischke mit seiner Band gerade bei den Ensemble-Szenen sehr langsame Tempi an, was der Show und den Tanzszenen deutlich den Drive nimmt. Dies fällt schon bei „Was geht ab?“ auf, zieht sich aber durch die gesamte Show. Bleibt zu wünschen, dass die Inszenierung im Laufe der Spielzeit noch mehr Fahrt aufnimmt, da sie viel Potenzial hat.


Musikalische Leitung: Nicolas Mischke • Regie: Annette Lubosch • Choreografie: Stefanie Schwendy • Bühne: Valerie Lutz • Kostüme: Cosima Winter • Chorleitung: Benedikt Bach • Dramaturgie: Ruth Schröfel • Mit: Antonio Calanna (Jesus von Nazareth), Dani Spampinato (Judas Ischariot), Lena Poppe (Maria Magdalena), Boris Böhringer (Pontius Pilatus), Stefan Kiefer (Hannas), Emanuel Jessel (Herodes), Markus Düllmann (Kajaphas), Felix Freund (Simon Zelotes), Sascha Stead (Petrus) u.a. • BelVoce Chor

Aufmacherfoto: Eugen Sommer

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