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Cabaret

Das Stück der Stunde

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Venue
Freilichtspiele Schwäbisch Hall
by
John Kander (Musik)
Joe Masteroff (Buch)
Fred Ebb (Liedtexte)
Robert Gilbert (Deutsche Fassung)
Direction
Georg Büttel und Christian Doll
World premiere
1966

„Cabaret“ scheut vor sich selbst zurück

Kein Zweifel, knapp 100 Jahre nach der Jahreswende 1929/30, die im Kit-Kat-Club gefeiert wird, ist „Cabaret“ das Stück der Stunde. Erleben wir das alles tatsächlich noch einmal, den Aufstieg der extremen Rechten, das resignierte Verharmlosen der heraufdämmernden Gefahr, wie es Fräulein Schneider im Musical so nachvollziehbar und doch ohne jede Weitsicht rechtfertigt?

Der Klassiker von John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff wurde seit der kargen, von Regisseur Harold Prince nach dem Vorbild von Bertolt Brecht inszenierten Uraufführung mehrfach in ein neues Licht gerückt, so machte Bob Fosses Verfilmung mit Liza Minnelli den kleinen, billigen Nachtclub im Berlin der Weimarer Republik viel glanzvoller. Eine weitere Veränderung ist die Frage, ob Cliff nun bisexuell ist oder nicht; sie auf der Kirchentreppe vor St. Michael zu stellen, erspart sich die Produktion.

Die Inszenierung auf den 54 Stufen verlässt sich, ähnlich wie die letztjährige und nun wiederaufgenommene „West Side Story“, ein wenig zu sehr auf den Klassiker-Status des Werkes. Wo der Conférencier mittlerweile meist dämonische, gefährliche Züge annimmt, wirkt Dirk Weiler hier weniger aufsässig, sondern bei all seinen provokativen Pointen eher müde und verbraucht. Das Regieteam aus Georg Büttel und Intendant Christian Doll lässt ihn am Anfang mit einem kleinen Zaubertrick wie einen Kasperle aus der Kiste springen, wo er sich am Ende wieder eintütet – auch das eher ein Zeichen des Versteckens und der Resignation als eine Warnung vor dem, was kommen wird.

Wo Sally Bowles als Symbol für den Tanz auf dem Vulkan steht und am Ende im Titelsong daran zerbricht, dass sie das Leben für ein Cabaret hält, da wird sie hier ein wenig zu glitzernd zur Ikone stilisiert. Salomé Ortiz singt prächtig, wirkt aber anfangs arg exaltiert und lässt sowohl beim Abschied von ihrem Kind wie auch von Cliff wenig persönliche Betroffenheit spüren. Ihr letzter Song, gesungen barfuß und in einem Kleid aus Spiegelscherben, bleibt ein Auftritt und am Ende zu triumphal, er kippt nicht ins Private und bricht einem nicht das Herz.

Zu „Mama darf’s nicht wissen“ tritt Sally im Club mit einer großen Micky-Maus-Figur und Öhrchen auf dem Kopf an, auch ihre Tanzgirls tragen kleine Maus-Figuren, die es, alldieweil Walt Disney seine ikonische Figur gerade mal ein Jahr zuvor erfunden hatte, zu diesem Zeitpunkt einfach nicht gab. Auch die hellgrünen Polizeiuniformen der viel zu netten Grenzkontrolleure wirken wie eine ungeschickte Modernisierung, sie sehen nach DDR aus statt nach Weimarer Republik. „Money makes the world go round“ geht mit seinem Goldflitter in Richtung Fernsehballett der 1970er Jahre (Kostüme: Kati Kolb). Bühnenbildner Thomas Bruner hat auf der Treppe in riesigen Buchstaben das Wort CABARET verteilt, das B ist ein roter Kussmund als Sofa, das E wird zu Cliffs Zimmer und zum Obstladen von Herrn Schultz.

Markus Ücker porträtiert Cliff weniger als Intellektuellen denn als fröhlich-freundlichen Touristen, der erst mit seinem Song „Wer will schon wach sein“ so recht zur Besinnung kommt. In großer Vertrautheit und sehr authentisch spielen Andrea Matthias Pagani und Ilona Christina Schulz das ältere Paar. Simon Staiger als Ernst Ludwig und Nadja Petri als Fräulein Kost bleiben leider ungefährlich. Gesungen wird durchweg bestens, bis hin zu einem vierstimmigen „Der morgige Tag ist mein“ von Fräulein Kosts Matrosen.

Der heimliche Star des Abends sind Heiko Lippmann und seine Band – die allzu bekannten Songs und Nummer erklingen in einer subtilen, mitreißenden Dynamik. Mal schlägt der Jazz der 1920er durch, mal Kurt Weills Rhythmik. „I don’t care much“ wird zum einsamen Blues, jedes orchestrale Vor- und Nachspiel ist ein Genuss. Es bleibt der Eindruck einer Inszenierung, die sich nicht so recht traut, die Warnung dieses Musicals in ihrer vollen Konsequenz, mit vollem Eklat aufzuzeigen.


Musikalische Leitung: Heiko Lippmann • Regie: Georg Büttel und Christian Doll • Konzeption: Georg Büttel • Choreografie: Kati Farkas • Kampfchoreografie: Lukas Benjamin Engel • Bühne: Thomas Bruner • Kostüme: Kati Kolb • Magische Beratung: Gaston Florin • Licht: Jan Kalka • Sounddesign: Simon Hüging • Chorleitung: Larissa Sauter • Mit: Dirk Weiler (Conférencier), Salomé Ortiz (Sally Bowles), Markus Ücker (Clifford Bradshaw), Ilona Christina Schulz (Fräulein Schneider), Andrea Matthias Pagani (Herr Schultz), Simon Staiger (Ernst Ludwig), Nadja Petri (Fräulein Kost) u.a. • Festspielchor und Orchester der Freilichtspiele

Aufmacherfoto: Freilichtspiele Schwäbisch Hall/Ufuk Arslan

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