
New-York-Vibes mit „Tootsie“
„Wenn man’s wirklich liebt, muss man’s leben“ – mit diesem Motto beschließt Regisseur Felix Seiler seine New Yorker Musical-Trilogie in Österreich. Nach „On the Town“ in Graz und „Wonderful Town“ in Linz widmet er sich mit „Tootsie“ dem zeitgenössischsten der drei Stoffe aus der Stadt, die niemals schläft. Mit einer Ensemble-Mischung aus erfahrenen Koryphäen und viel frischem, jungem Wind gibt es bei der Premiere in Baden laute Lacher und tosende Ovationen.
Schmissig ballern einem im Stadttheater-Saal Bass und Bläser um die Ohren, die den Bigband-Sound so besonders machen. Man wird sofort mitgerissen in die Welt von Michael Dorsey, der als verzweifelter Künstler sein Hemd gegen High Heels eintauscht, um endlich den begehrten Bühnenjob zu ergattern. Erst in den Schuhen einer Frau lernt der frustrierte Schauspieler dann, welche Verantwortung man für die Menschen um sich herum trägt.
Simon Stockinger meistert die Partie des Michael mit Bravour. Die Money Notes sitzen, und während er als Dorothy in seiner Körpersprache überzeugt, bekommt er die männliche Färbung nicht ganz aus der Stimme heraus. Der minutenlange Jubel für ihn beim Endapplaus wie bei der Premierenfeier spiegelt die Würdigung seiner kurzfristigen Übernahme dieser Mammutrolle. Mit breitem Klang reißt Dorothy die Casting-Nummer „Ich bin für euch da“ an sich. Selbstbewusst gibt sie den Takt an: „Tempo rauf“. Das hätte auch Sandys ikonischem Pattersong „Was passieren wird“ gutgetan, der stattdessen zu einer gemächlichen Beachbar-Samba verläuft. Dabei bringt Missy May als Michaels abhängige Ex-Freundin Sandy viel Pfeffer auf die Bühne, samt Benjamin-Blümchen-Torte und aufgedrehter Pieps-Stimme.
Mitreißender Auftrittsapplaus auch für Ikone Marika Lichter, die als Musicalproduzentin Rita im Grunde sich selbst spielt. Mit akzentuierten Bewegungen gibt Franz Frickel den ausfallenden Regisseur Ron Carlisle, samt Fosse-Dance-Einlage, jedoch etwas zurückhaltender in der – leider immer noch branchenüblichen – Übergriffigkeit. An vielen Punkten hört das Publikum gar nicht mehr auf, sich nach Herzenslust zu amüsieren. Einen Grund dafür bietet Sebastian Brummers grandioses Geschick für Timing und Stimmkomik. Als Michaels Mitbewohner Jeff formt er die Szenen mit simplem Ausdruck zu Comedy-Gold. Auch Martin Bergers Stan ist eine Type – äußerlich wie charakterlich. Er macht seine kurze Manager-Szene mit feinen Pointen zum Highlight, ähnlich wie Clemens Otto Bauer als Max, nicht unbedingt der hellste Scheinwerfer im Rampenlicht: Im Musical, das hier einstudiert wird, verkörpert er Romeos Bruder so pulsierend wie sympathisch.
Clara Mills-Karzel ist eine starke Julie, die in ihrer wundervollen Ballade „Da war John“ mit gefühlvoll-warmer Stimme glänzt; umso bedauerlicher, dass ihr genau da die Musik davonrennt. Bei seiner insgesamt souveränen musikalischen Leitung fehlt Victor Petrov an der ein oder anderen Stelle doch das musical-ische Feingefühl. Auch den sonst so glanzvollen Choreografien von Danny Costello mangelt es an diesem Abend etwas an Glamour.
New York wird durch die Theaterlinse gezeichnet, als eine Probebühne des Lebens, voller Plakate und Stellwand-Rückseiten. Die etwas unstrukturierte Bühne lässt wenig Raum für Spiel, was das inszenatorische Potenzial einschränkt. David Yazbeks und Robert Horns musikalische Komödie ist, so der Regisseur im Programm, ein Geschenk. Die große Bandbreite an Humor und musikalischer Vielseitigkeit ist in einen dramaturgischen Bogen mit Tiefgang eingespannt. Doch das auf den ersten Blick oberflächlich wirkende, erstaunlich komplexe Klischee-Konglomerat fordert eine detaillierte Auseinandersetzung. Dabei jeder einzelnen Pointe und jedem Detail des ausgefuchsten Buchs Genüge zu tun, ist herausfordernd. Dabei hat das (einmal mehr rein männliche) Team um Seiler diese Herausforderung, ähnlich wie ihre Bühnenfigur Jeff, „bei den Eiern gepackt“ – und beschert Baden damit einen großen Erfolg.
Musikalische Leitung: Victor Petrov • Regie: Felix Seiler • Choreografie: Danny Costello • Bühne: Darko Petrovic • Kostüme: Aleš Valášek • Mit: Simon Stockinger (Michael Dorsey/Dorothy Michaels), Clara Mills-Karzel (Julie Nichols), Sebastian Brummer (Jeff Slater), Missy May (Sandy Lester), Franz Frickel (Ron Carlisle), Clemens Otto Bauer (Max van Horn), Marika Lichter (Rita Marshall), Martin Berger (Stan Fields), Branimir Agovi (Stuart), Angelika Niakan (Suzie/Vokal-Trio 1), Russi Nikoff (Carl/Stage Manager), Ivana Zdravkova (Vokal-Trio 2), Erin Marks (Vokal-Trio 3) • Orchester, Chor, Tanzensemble und Statisterie der Bühne Baden
Aufmacherfoto: Lalo Jodlbauer




