Der Medicus Foto Daniel Lagerpusch 04 | MUSICAL TODAY

Der Medicus – Das Musical

Medizin im Mittelalter

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Venue
Freilichtspiele Tecklenburg
by
Iván Macías (Musik)
Félix Amador und Iván Macías (Buch)
Félix Amador (Liedtexte)
Direction
Werner Bauer
World premiere
2018

Das „Medicus“-Musical aus Spanien begeistert in einer großen Produktion

„Großes Drama können wir“, sagte erst vor einigen Wochen Markus Söllner, der seit der letzten Saison der erste Vorsitzende der Freilichtspiele Tecklenburg und somit Intendant ist. Nun, was in diesem Jahr auf die 80 Meter breite Naturbühne gebracht wird, die von 800 Jahre alten Burgruinen flankiert wird, fügt diesem leicht dahergesagten Satz so viele Ausrufungszeichen hinzu.

„Der Medicus“ in der Version von Iván Macías (Musik und Buch) und Félix Amador (Liedtexte und Buch) wurde 2018 in Madrid uraufgeführt, kam im Oktober 2023 für eine kurze Stippvisite ins Deutsche Theater München und ist nun für einen Sommer in Tecklenburg angekommen, wo bis Mitte September wohl 35- bis 40.000 Menschen diese Show gesehen haben werden. Das große Vertrauen, welches das Publikum in Tecklenburg immer wieder setzt – eben auch in ein ziemlich unbekanntes Stück – sucht seinesgleichen. Und niemand wird enttäuscht, im Gegenteil!

Die dramatische Musik, dargeboten von einem 26-köpfigen Orchester unter Leitung von Juheon Han, über 70 Mitwirkende, die von Fabienne Ank (Kostüm) und Philip Hager (Maske) fabelhaft, wertig und bildgewaltig ausgestattet wurden, das wandelbare Bühnenbild von Jens Janke, das einen Markt im 11. Jahrhundert in London ebenso darstellen kann wie den bunten Palast in Isfahan: Das alles ergibt eine solche Bild- und Tongewalt, dass die Zuschauer knapp drei Stunden kaum durchatmen können.

Unter den Augen von Komponist und Texter führt der wandelbare Thomas Hohler das Ensemble an. Eben noch Mrs. Doubtfire in Düsseldorf, ist er nun Rob Cole, der Waisenjunge, der schon in jungen Jahren merkt, dass er anderen Leuten helfen und sie heilen will. Zudem hat er eine Gabe: Wenn er einen Menschen berührt, kann er spüren, ob dieser bald sterben wird. Der jugendliche Rob macht im Lauf des Stücks eine wahnsinnige Entwicklung durch: In London wird er von einem fahrenden Bader aufgenommen (fabelhaft schmierig Benjamin Eberling), später begibt er sich auf eine mehrjährige Reise nach Isfahan, wo sein Durchsetzungsvermögen obsiegt, durch das Sezieren toter Menschen alles über Krankheiten zu lernen. Er muss damals herrschende Grenzen überschreiten, um der Menschheit dienen zu können.

Ist Hohler erst mal auf der Bühne, verlässt er sie höchstens, um ein anderes Kostüm anzuziehen – gesanglich, schauspielerisch, kräftetechnisch eine herausragende Leistung. Die ersten 30 Minuten der Show ist Rob Cole noch sehr jung, bei der Premiere spielt Mona Käsekamp diesen Part. Auch sie singt und spielt ihre Rolle stark und mit sehr guter Bühnenpräsenz. Es wäre nicht erstaunlich, wenn wir von ihr in einigen Jahren auf den Bühnen noch mehr sehen.

Nur selten darf das Publikum ein wenig entspannen und sich zurücklehnen. Rob entscheidet, sich als Jude auszugeben und das Christ-Sein zu verleugnen, um ungeschoren nach Isfahan zu kommen. Er trifft auf einige Gefährten, mit denen er die Reise beginnt. Christian Rosprim, Niklas Roling und Tim Grimme stimmen den Song „Ai-di-di-dai“ an, der schon bald in eine fröhliche Massenszene übergeht. Choreograf Bart De Clercq darf hier aus dem Vollen schöpfen, zudem unterstützen seine Arbeiten den ganzen Abend unaufdringlich und zugleich sehenswert. Solche Momente sind rar, notwendig und einfach schön anzusehen und anzuhören.

Mary Cullen, die Frau, in die sich Rob verliebt, wird von Navina Heyne gespielt, der unangenehme und frauenverachtende Schah von Gerben Grimmius. Beide fühlen sich sichtlich wohl in ihren Rollen. Gerade Grimmius, der im letzten Jahr noch die Hauptrolle in „Priscilla“ spielte, hat sichtlich Freude an dem Bösewicht. Musikalisch wechselt das Werk von Ensemblenummern hin zu Quartetten, Duetten und Solonummern. Man kann sicher sein: Wenn Heyne und Grimmius gesanglich beteiligt sind, ist es immer ein Ohrenschmaus. Insgesamt ist dieses Stück für die ganz große Bühne gemacht. Es wird schwer sein, die Bildgewalt, die Werner Bauer inszeniert hat, zu übertreffen.


Musikalische Leitung: Juheon Han • Regie: Werner Bauer • Choreografie: Bart De Clercq • Bühne: Jens Janke • Kostüme: Fabienne Ank • Maske: Philip Hager • Sounddesign: Claudio Meyer und Sven Treess • Einstudierung Chor: Ralf Junghöfer • Einstudierung Junges Ensemble: Navina Wanzelius • Mit: Thomas Hohler (Rob Cole), Navina Heyne (Mary Cullen), Benjamin Eberling (Bader), Gerben Grimmius (Schah/Edgar Thorpe), Wolfgang Höltzel (Avicenna/Fritta), Mathias Meffert (Quandrasseh), Michael Berres (Mirdin), Jürgen Brehm (Karim), Lisa Kolada (Agnes), Jan Altenbockum (Merlin), Christian Rosprim (Meir), Niklas Roling (Simón), Tim Grimme (Tuveh), Mona Käsekamp (Der junge Rob Cole) u.a. • Orchester, Chor und Junges Ensemble der Freilichtspiele Tecklenburg

Aufmacherfoto: Daniel Lagerpusch

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