
Das Box-Musical funktioniert auch open-air
Zunächst schien das Vorhaben, das Musical „Rocky“ auf eine Open-Air-Bühne zu bringen, ziemlich waghalsig. Mit 1.130 Vorstellungen ab November 2012 im Hamburger Operettenhaus und danach noch ein Jahr in Stuttgart war die deutschsprachige Uraufführung zwar aus heutiger Sicht ein Erfolg, das Stück lebte aber doch sehr von der Faszination des Boxrings, der für den finalen Kampf ins Publikum geschoben wurde – samt TV-Cube über dem Ring und den Zuschauenden drumherum. Zudem war die Besetzung mit Drew Sarich und Wietske van Tongeren herausragend. Ein kurzer Ausflug an den Broadway, und dann verschwand das Musical in der Versenkung.
Die dichte Atmosphäre und die bis auf das Finale fast kammerspielartige Inszenierung mussten für die Freilichtspiele komplett weichen. Dafür engagierte der seit einem Jahr neu eingesetzte Intendant Markus Söllner Janina Niehus als Regisseurin und Faye Heather Anderson als Choreografin. Sie entschieden sich, das Ensemble viel mehr zu fordern als früher. Fragte man seinerzeit die Menschen auf den Ensemble-Stellen, war doch oft „langweilig“ oder „Kulissenschieber“ zu hören. Hier gibt es jedoch viel zu tun. Weiterhin wird der Chor häufig eingebunden, teils sogar in den Choreografien. Daher ist die riesige Bühne oft mit über 50 Leuten gefüllt, die die verschiedenen Gesellschaftsschichten in Philadelphia zeigen und so die alte Burgruine zum Leben erwecken. Man hätte sich sogar gewünscht, dies in noch mehr Szenen zu sehen.
Optisch ist die Show ein einziges Highlight: Jens Janke, seit Jahren für die Bühnenbilder in Tecklenburg verantwortlich, zeigt auf der oberen Ebene der Mittelbühne beispielsweise das kleine Appartement. Unten befindet sich das Boxstudio und links am alten Brunnen die Zoohandlung, alles liebevoll ausgestattet. Gleiches bei den Kostümen: Fabienne Ank taucht tief in die 1970er Jahre ein, in grelle Farben, große Kragen und lange Stiefel. Wenn Apollo Creed zum finalen Kampf einzieht, glitzern die Damen in den Farben der amerikanischen Flagge. Die Choreografien von Anderson verbinden 70er-Jahre-Dance-Moves mit Boxbewegungen und verschmelzen mit neu erdachten Figuren und Schritten. Hier hätte es gelegentlich etwas weniger verspielt sein dürfen – gleichwohl passt alles so auf die große Bühne.
Der gar nicht heimliche Star der Inszenierung ist Celena Pieper als Adrian. Die schüchterne Mitarbeiterin in der Zoohandlung geht irgendwann auf Rocky zu und löst sich aus den furchtbaren Fesseln ihres cholerischen Bruders Paulie, den Gerben Grimmius hervorragend darstellt: fies, böse, mit vielen Problemen und fast bemitleidenswert. Piepers Entwicklung als Adrian lässt sich in jeder Szene nachvollziehen. Mit „Vorbei“ bekommt sie dann auch den besten von Stephen Flahertys Songs und interpretiert ihn mit großer Wucht und Stärke.
Lucas Baier, mit dem Boxsport längst vertraut, gefällt sehr in den Trainings- und Kampfszenen. Er unterstützte auch das Ensemble, die typischen Boxbewegungen und -abläufe zu lernen. Das sieht toll aus und es macht Spaß, ihn bei der Entwicklung seines Rocky zu begleiten. Zwar von einfachem Gemüt, aber mit großem Herz, geht der junge Boxer seinen Weg und tut alles, um Adrian glücklich zu machen und den Kampf zu gewinnen. Gesanglich darf Baier bei „Fight From The Heart“ und „Standzuhalten“ noch etwas mehr Gas geben, aber wer wollte es ihm bei Dauereinsatz auf der Bühne, immer in Bewegung und bei über 35 Grad zur Premiere verdenken?
Vic Anthony (Apollo), Benjamin Eberling (Mickey), Esther-Larissa Lach (Gloria), Gioia Heid (Joanne) und Lara Schitto (Angie) ergänzen in den größeren Rollen das 25-köpfige Musicalensemble, auf das voll und ganz Verlass ist und das auch in der kleinsten Szene noch gut spürbar ist. Ein weiteres Highlight der Produktion: Mit Dirigent Giorgio Radoja sind 18 Personen im Orchestergraben. Da klingen vor allem die großen Songs wie die Begleitmusik zum finalen Kampf einfach so gut wie noch nie. Und der Kampf zwischen Apollo Creed und Rocky Balboa? Spektakulär!
Musikalische Leitung: Giorgio Radoja • Regie: Janina Niehus • Choreografie: Faye Heather Anderson • Co-Choreografie: Alec Agalarov • Bühne: Jens Janke • Kostüme: Fabienne Ank • Maske: Philip Hager • Choreinstudierung: Gülfidan Söylemez • Mit: Lucas Baier (Rocky Balboa), Celena Pieper (Adrian Pennino), Vic Anthony (Apollo Creed), Benjamin Eberling (Mickey Goldmill), Gerben Grimmius (Paulie Pennino), Esther-Larissa Lach (Gloria), Gioia Heid (Joanne), Lara Schitto (Angie) u.a.
Aufmacherfoto: Daniel Lagerpusch




