Maria Friedman as Kimberly Levaco and Gilli Jones as Seth Weetis in Kimberly Akimbo credit Marc Brenner | MUSICAL TODAY

Kimberly Akimbo

No One Gets a Second Chance Around

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Venue
Hampstead Theatre
by
Jeanine Tesori (Musik)
David Lindsay-Abaire (Buch und Liedtexte)
Direction
Michael Longhurst
World premiere
2021

Bei „Kimberly Akimbo“ gehen Lachen und Weinen Hand in Hand

Das mit fünf Tony Awards ausgezeichnete Musical „Kimberly Akimbo“ feierte Ende August seine europäische Erstaufführung im Londoner Hampstead Theatre. Das Stück handelt von der 16-jährigen Kimberly Levaco, die aufgrund einer seltenen genetischen Erkrankung viermal so schnell altert wie andere Menschen und daher wie eine 70-jährige Frau aussieht. Obwohl sie weiß, dass sie bald sterben wird, versucht sie unerschrocken, das meiste aus ihrem Leben herauszuholen.

Das ist jedoch mit ihrer dysfunktionalen Familie alles andere als einfach: Während ihr Vater Buddy (mit verletzlicher Schroffheit von Peter Hannah gespielt) seinen Lebensschmerz in Alkohol ertränkt, fokussiert Mutter Pattie (Niamh Perry) ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ihr ungeborenes Baby – in der bangen Hoffnung, dass dieses nicht die gleiche Krankheit wie Kimberly haben wird. Das Leben der Familie gerät vollends aus den Fugen, als Kimberlys exaltierte Tante Debra unerwartet auftaucht. Von Alice Fearn mit großem komödiantischem Gespür verkörpert, versucht sie, ihre Nichte für einen dubiosen Scheckbetrug einzuspannen. Glücklicherweise findet Kimberly in ihrem Mitschüler Seth einen Freund, der ihr das Gefühl gibt, ein ganz normaler Teenager zu sein – selbst wenn ihre Zeit bald abläuft.

Bereits der Handlungsabriss verdeutlicht, dass „Kimberly Akimbo“ trotz der tragischen Prämisse viel ansteckenden Humor und eine wunderbar groteske Überdrehtheit besitzt. Dass es nie ins Alberne abgleitet, liegt an dem ebenso einfühlsamen wie dicht geschriebenen Buch von David Lindsay-Abaire. Mindestens genauso viel seiner emotionalen Wirkung verdankt das Stück der spritzigen Musik von Jeanine Tesori (nuancenreich von einer achtköpfigen Band unter Leitung von Nigel Lilley dargeboten). Für die außergewöhnliche Geschichte hat Tesori eine ganz eigene Klangwelt kreiert: Feinsinnige Balladen mischen sich mit klassischen Musical-Idiomen und kindlich-fröhlichen Ukulele-Nummern, die von wiederkehrenden Leitmotiven zusammengehalten werden.

Eines dieser Leitmotive eröffnet den Abend und symbolisiert das triste Vorstadtleben in New Jersey, in dem nicht nur Kimberly, sondern auch ihre Mitschüler feststecken („Skater Planet“). Ein kluger Kunstgriff ist es, im Musical nicht Kimberlys gesamte Schulklasse zu zeigen, sondern sich auf ein Quartett von Mitschülern zu beschränken. Diese vier sind ebenfalls Außenseiter, haben aber im Gegensatz zu Kimberly die reale Chance auf eine Zukunft jenseits von New Jersey – gerade Kimberlys Zeile „Getting older is my affliction / Getting older is your cure“ hallt hier besonders nach.

Der Dreh- und Angelpunkt der Produktion ist Maria Friedman. Sie setzt Kimberlys unbekümmerte Leichtigkeit genau wie ihren oft unterdrückten Schmerz mit Bravour um. Ein Höhepunkt des Musicals ist ihre mit fulminanter Eindringlichkeit dargebotene Befreiungsballade „Before I Go“ Ende des zweiten Aktes. An ihrer Seite glänzt Gilli Jones als Seth mit enormer Sensibilität. Besonders sein Solo „Good Kid“ bleibt lange im Ohr.

Michael Longhurst inszeniert das Musical mit unaufgeregter Präzision und schafft es, trotz manch cartoonhafter Überzeichnung den ernsten Themen (wie Krankheit, Alkoholismus oder emotionaler Vernachlässigung) den nötigen Raum zu geben. Das Bühnenbild von Soutra Gilmour setzt das mehrstöckige, wie ein Puppenhaus wirkende Heim der Levacos ins Zentrum. Mit Hilfe einer Drehbühne kann sich das Haus – über dem mahnend ein großes Ziffernblatt thront – in die Schulräume sowie die Eishalle verwandeln, wo das eindrucksvolle Schlittschuhfinale des ersten Aktes stattfindet.

Insgesamt ist „Kimberly Akimbo“ ein zutiefst berührendes und lebensbejahendes Musical-Erlebnis, bei dem Weinen und Lachen stets nah beieinanderliegen. Die nicht immer leichte Balance dieser beiden Elemente gelingt der Londoner Produktion meisterhaft – auch dank eines fantastischen Ensembles.


Music Supervision und Musikalische Leitung: Nigel Lilley • Regie: Michael Longhurst • Choreografie: Matt Cole • Ausstattung: Soutra Gilmour • Videodesign: Luke Halls • Licht: Jack Knowles • Sounddesign: Paul Groothuis • Mit: Alice Fearn (Debra), Maria Friedman (Kimberly Levaco), Sara Hajizadeh (Teresa Benton), Peter Hannah (Buddy Levaco), Ronav Jain (Aaron Puckett), Gilli Jones (Seth Weetis), Niamh Perry (Pattie Levaco), Robin Simões da Silva (Martin Doaty), Aviva Tulley (Delia McDaniels) u.a.

Aufmacherfoto: Marc Brenner

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