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West Side Story

Something’s Coming – und wie!

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Venue
Theater Basel
by
Leonard Bernstein (Musik)
Arthur Laurents (Book)
Stephen Sondheim (Liedtexte)
Frank Thannhäuser und Nico Rabenald (Deutsche Fassung)
Direction
Barrie Kosky und Otto Pichler
World premiere
1957

Weniger Bühne, mehr Emotion: Die „West Side Story“ überzeugt auf ganzer Linie

Was Barrie Kosky und Otto Pichler mit ihrer bereits 2013 an der Komischen Oper Berlin entstandenen Inszenierung von Leonard Bernsteins „West Side Story“ geschaffen haben, ist schlicht genial. Unter der szenischen Leitung von Tamara Heimbrock wird die Basler Neueinstudierung zu einem packenden Theatererlebnis von außergewöhnlicher Intensität.

Kosky reduziert das Bühnenbild radikal: ein schwarzer Raum, je eine Leiter links und rechts und eine Drehbühne, deren weiße Linien ein Basketballfeld andeuten. Dieser bewusste Verzicht macht Raum und Zeit beliebig, verleiht der Geschichte Aktualität und überlässt die Verortung dem Publikum. Die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum verschwimmen, was die Inszenierung persönlicher, emotionaler und intensiver macht.

Immer wieder entstehen ausdrucksstarke Szenen: Beim Tanz im Gym schweben unzählige Discokugeln herab, während die Gangs mit grellbunten Masken die einzigen Farbakzente setzen. Danach verteilt sich das Ensemble auf der rotierenden Bühne und verschwindet nach und nach wie durch Zentrifugalkraft, bis nur noch Tony und Maria im Zentrum stehen. Eine ebenso geniale wie berührende Inszenierung ihrer ersten Begegnung.

Ein schwarzer Szenenvorhang ermöglicht weitere Verwandlungen; für die Balkonszene entsteht auf einer erhöhten Metalltraverse ein neuer Spielort. Franck Evins Lichtdesign übernimmt eine zentrale Rolle. Monochrom, aber mit wechselnden Lichttemperaturen, scharf gesetzten Kegeln und raumfüllenden Lichtformationen entstehen unterschiedliche Stimmungen. Bei der Polizeiverfolgung durchdringen Schweinwerfer und Sirenen Bühne und Zuschauerraum. Bei der Balkonszene entfaltet sich im Hintergrund ein zauberhafter Sternenhimmel – das Licht wird zum eigenständigen Erzähler.

Nicht minder raffiniert sind Otto Pichlers Choreografien, in Basel von Silvano Marraffa einstudiert. Bodensequenzen, prägnante Arm- und Kopfbewegungen, abrupte Staccato-Akzente und fließende Passagen verschmelzen zu ausdrucksstarkem Tanztheater. Perfekt synchron sind sie am Premierenabend noch nicht überall, der tänzerischen Wucht und Vielfalt aber schadet das in keinster Weise. Besonders Bart Aerts als Riff und Kyra Sorce als Anita vollbringen körperliche Höchstleistungen. Dass während und nach solchen Tanzsequenzen noch gesungen werden muss, fordert hörbar Tribut, schmälert aber nicht die beeindruckende Gesamtleistung.

Eine derart reduzierte Inszenierung kann nur mit einem außergewöhnlich starken Ensemble funktionieren. Genau das bietet Basel. Allen voran brilliert Samantha Hargreaves als Maria mit makelloser Sopranstimme, beeindruckender dynamischer Bandbreite und einer darstellerischen Intensität, die unter die Haut geht. Jan-Philipp Rekeszus verkörpert Tony als Lichtgestalt, auch optisch hervorgehoben durch sein helles Hemd. Sein ausdrucksstarker Gesang und die Bühnenpräsenz überzeugen auf ganzer Linie. Beide haben ihre Figuren im wahrsten Sinne des Wortes verinnerlicht. Steven Armin Novak zeichnet Actions Entwicklung überzeugend nach, während Klaus Brömmelmeier als Doc mit eindringlicher Präsenz Akzente setzt.

Thibaut Welchlins überwiegend dunkle, vielseitige Kostüme charakterisieren die Gangs: Tätowierte Sharks treffen auf Jets in Hoodies und Sportkleidung. Yumio Chanoki verleiht der sympathischen Anybodys eine sympathische Präsenz und setzt mit ihrem dunkelvioletten Kostüm einen farblichen Kontrapunkt.

Das Sinfonieorchester Basel unter Leitung von Thomas Wise verwandelt Bernsteins Partitur in ein intensives Klangbad. Wise, der Leonard Bernstein während seiner Studienzeit in New York noch live erlebte, lässt die vielschichtige Komposition in all ihren Facetten glänzen.

Diese „West Side Story“ zählt zu den eindrücklichsten Musicalinszenierungen, welche die Rezensentin bis dato auf Schweizer Bühnen erleben konnte – ein raffiniertes Zusammenspiel von Regie, Tanz, Licht, Ensemble und Orchester, das bewegt und nachhallt. Ein Besuch in Basel lohnt sich unbedingt!


Musikalische Leitung: Thomas Wise • Regie: Barrie Kosky und Otto Pichler • Szenische Leitung der Neueinstudierung: Tamara Heimbrock • Choreografie: Otto Pichler • Choreografische Leitung der Neueinstudierung: Silvano Marraffa • Bühne: Barrie Kosky • Kostüme: Thibaut Welchlin • Licht: Franck Evin • Chorleitung: Michael Clark • Dramaturgie: Johanna Wall und Benjamin Wäntig • Mit: Jan-Philipp Rekeszus (Tony), Samantha Hargreaves (Maria), Kyra Sorce (Anita), Bart Aerts (Riff), Máté Gyenei (Bernardo), Alessio Urzetta (Chino), Steven Armin Novak (Action), Salvatore Marchione (A-Rab), Alexander Hallas (Baby John), Giuseppe Bencivenga (Snowboy), Luca Boscolo (Big Deal), Shane Dickson (Diesel), Yumio Chanoki (Anybodys), Sophie Melem (Velma), Chiara Viscido (Graziella), Eileen Sally Nef (Rosalia), Alice Piccirilli (Teresita), Alicia Lehmann (Margarita), Nina Walker (Estella), Alina Mettler (Francisca), Romy Neumann (Consuelo), Alessio Marchini (Pepe), Matteo Mersi (Indio), Dario Rigaglia (Luis), Duncan W. Saul (Anxious), Davide Pillera (Nibbles), Helmut Jakobi (Lieutenant Schrank), Johannes Dullin (Krupke/Glad Hand), Klaus Brömmelmeier (Doc) u.a. • Chor und Statisterie des Theaters Basel • Sinfonieorchester Basel

Aufmacherfoto: Ingo Höhn

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