RENT. Full Company. Credit Pamela Raith | MUSICAL TODAY

Rent

No Day But Today

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Venue
Tom Stoppard Theatre
by
Jonathan Larson (Musik, Buch und Liedtexte)
Direction
Luke Sheppard
World premiere
1996

Das Kultmusical „Rent“ hat nichts an Aktualität verloren

Jonathan Larsons „Rent“ revolutionierte in den 1990ern das Musical-Genre. Zum 30-jährigen Jubiläum ist das Stück nun ins Londoner West End zurückgekehrt. Die moderne Adaption von Puccinis „La Bohème“ fängt kongenial das Lebensgefühl im New Yorker East Village der Neunziger ein: Eine Gruppe junger Künstler versucht, sich zwischen hohen Mieten, komplizierten Liebesbeziehungen, Gentrifizierung, Sinnsuche und der omnipräsenten Bedrohung durch die AIDS-Epidemie durchs Leben zu manövrieren. Griff das Musical bei seiner Entstehung Themen am Puls der Zeit auf, bietet das Stück dank seines unprätentiösen und emotional ehrlichen Erzählstils auch 30 Jahre später ein hohes Identifikationspotenzial.

Um den damaligen Zeitgeist für ein heutiges Publikum verständlich zu machen, hat man sich in London entschieden, dem Stück ein paar einleitende Worte zur Kontextualisierung voranzustellen. Notwendig ist das nicht, denn die Figuren, ihre Hoffnungen und Ängste sind genauso zeitlos wie Larsons Musik. Für das unverwechselbare Flair der Neunziger sorgen Gabriella Slades detailverliebte Kostüme, die bewusst mit historischen Vorbildern spielen, und das Bühnenbild von David Woodhead. Dieses ist einem heruntergekommenen New Yorker Performance-Space nachempfunden, wobei das Publikum kreisförmig um die Spielfläche platziert wird.

Diese Arenabühnen-Konfiguration ermöglicht nicht nur eine enorme Nähe, sondern wird von Regisseur Luke Sheppard zu einem zentralen Element seiner Inszenierung gemacht: Zu Beginn setzen sich die Darstellenden auf Stühle rund um die Bühne, nur um dann in Brecht’scher Manier ihre Rollen einzunehmen und die Grenzen zwischen Musical und Performance bewusst zu verwischen. Darüber hinaus zeichnet sich Sheppards Inszenierung durch eine enorme Energie aus, die sich in Tom Jackson Greaves’ stimmungsvoll-rastlosen Choreografien fortsetzt.

Als Mark, ein junger Filmemacher, dem eine Erzählerfunktion zukommt, hat man „Stranger Things“-Star Gaten Matarazzo besetzt. Mit seinem differenzierten Spiel vermittelt er eindringlich die Sehnsüchte seiner Figur, aber auch ihre Isolation innerhalb der Freundesgruppe. Gesanglich überzeugt er sowohl in den rockigeren als auch den ruhigeren Partien des Scores. Die emotionale Last seiner Figur arbeitet auch Travis Ross als erfolgloser Songschreiber Roger treffsicher heraus, wobei seine ungekünstelte Rockstimme wie gemacht für die Ballade „Your Eyes“ ist. Besonders sein Zusammenspiel mit Alexa Lopez, die die Nachtclubtänzerin Mimi ebenso ungezwungen wie keck gibt, funktioniert bestens.

Lazy Violet glänzt als freches Energiebündel Maureen vor allem mit ihrer exaltierten Performance in „Over the Moon“, während ihre Partnerin Joanne von Danielle Fiamanya bewusst als geerdeter Gegenpol angelegt wird. Gerade in Nummern wie dem „Tango: Maureen“ oder „Take Me or Leave Me“ beweist Fiamanya zudem ihre gesangliche Vielseitigkeit. Neben Billy Nevers, der Collins mit wunderbar sonorer Stimme als tiefgründig-ruhigen Charakter zeichnet, avanciert Jeevan Braich als Angel zum heimlichen Star der Show. Durch seine Bühnenpräsenz und charismatische Ausstrahlung spielt er sich sofort in die Herzen des Publikums, was seinen tragischen Tod im zweiten Akt umso erschütternder macht.

Abgerundet wird der Abend durch ein dynamisches Ensemble und eine sechsköpfige Band unter Leitung von Katy Richardson, die die pulsierende Energie von Larsons Score punktgenau umsetzt. Insgesamt unterstreicht die aktuelle Londoner Produktion, dass „Rent“ weit mehr als ein für die Musicalgeschichte bedeutendes Zeitstück ist: Der Kampf der Protagonisten um ein selbstbestimmtes Leben in einer von gesellschaftlichen Konflikten geprägten Welt und ihr Lebensmotto „No Day But Today“ – mach das Beste aus der Zeit, die Dir gegeben ist – haben auch nach 30 Jahren nichts an Aktualität verloren.


Music Supervision: Bill Sherman • Musikalische Leitung: Katy Richardson • Regie: Luke Sheppard • Choreografie: Tom Jackson Greaves • Bühne: David Woodhead • Kostüme: Gabriella Slade • Make-up- und Haar-Design: Jackie Saundercock • Licht: Howard Hudson • Videodesign: George Reeve und Nathan Amzi • Sounddesign: Paul Gatehouse • Mit: Gaten Matarazzo (Mark), Travis Ross (Roger), Alexa Lopez (Mimi), Billy Nevers (Collins), Lazy Violet (Maureen), Danielle Fiamanya (Joanne), Jeevan Braich (Angel), Joaquin Pedro Valdes (Benny), Baylie Carson (April) u.a.

Aufmacherfoto: Pamela Raith

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