Jedermann 7 Foto c Bernd Schoenberger | MUSICAL TODAY

Jedermann – Ein Musical vom Sterbenlernen

Tod auf leichten Sohlen

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Venue
Staatstheater Cottbus
by
Wolfgang Böhmer (Musik)
Peter Lund nach Hugo von Hofmannsthal (Buch und Liedtexte)
Direction
Tomo Sugao
World premiere
2014

„Jedermann“ als bittersüße Show im Revue-Format

Während des Salzburger Festspielsommers mutiert das alte englische Mysterienspiel in Hugo von Hofmannsthals literarischem Gewand von 1911 alljährlich zum Stadtgespräch, vor allem mit Blick auf die meist prominente Darstellerliste. Den Stoff holten Autor Peter Lund und Komponist Wolfgang Böhmer 2014 in die Gegenwart. Der originale Titel blieb bestehen, ergänzt durch einen Zusatz: „Jedermann – Ein Musical zum Sterbenlernen“. Momentan ist es als extravagante Open-Air-Aufführung des Staatstheaters Cottbus im Hof der Alvensleben-Kaserne zu erleben, mit prickelndem Zirkus-Ambiente aufgepeppt und einer wunderbar agilen Cast, voran Nils Stäfe in der Titelrolle. Ein ernster Plot wird hier mit flirrendem Witz und hohem Unterhaltungswert auf leichten Sohlen ausgebreitet.

Skrupellos verhält sich dieser Mann, selbstgefällig und zynisch, steinreich, aber mit leerem Herz. Ratschläge lehnt er ab, säumige Schuldner liefert er ohne Gnade an den Pranger, Angestellte schickt er launisch in die Wüste. Eines aber fürchtet Jedermann wie der Teufel den Beelzebub: den Tod und damit die Vergänglichkeit. Ewig möchte er leben – ein uralter Traum der Menschheit, dem viele nacheifern, bisher ohne Aussicht auf Erfolg. Dann platzt der Schnitter in ein Gelage und kündet dem Nekrophoben sein baldiges Ende an. Der Verurteilte fällt prompt in Panik, sucht verzweifelt einen treuen Begleiter für die letzte Wegstrecke und will irgendeinen Deal machen, um dem drohenden Schicksal zu entrinnen. Könnte es vielleicht eine ihn erlösende gute Tat sein? Aber das liegt dem Sterbenden allzu fern.

Wolfgang Böhmer und Peter Lund konzipierten das Stück einst für eine Freilichtaufführung des Erfurter Theaters. Später bearbeiteten sie es nochmal, nun zielen sie noch mehr aufs Musicalformat. Das Kreativteam kurbelt den Inhalt auf Revue-Größe, lädt üppig Witz in die Dialoge und filtert das Zeitlose, darum immer wieder Aktuelle aus Hofmannsthals genialer Vorlage. Das diabolische Spiel läuft auf einer rotierenden Manege ab, das Geschehen wirkt knallbunt – entsprechend glitzert, funkelt, flittert es primär in Blau- und Goldtönen. Paul Zoller und Charlotte Spichalsky (Bühne) sowie Carola Volles (Kostüme) schöpfen dabei aus dem Vollen und schaffen Platz für eine Atmosphäre, die den avisierten Exitus zur bittersüßen Show geraten lässt. Eine Verpackung nach Maß, mit Clowns, Artisten und Kasperbude, optisch reizvoll, pompös ausstaffiert und sehr stimmig. Regisseur Tomo Sugao schlägt daraus effektvoll Kapital. Er bringt ständig Bewegung (Choreografie: Thomas Helmut Heep) in die Handlung und nutzt den Raum für perfekt getimte Aktionen, ohne jedoch in blinden Aktionismus zu fallen. Böhmers Partitur findet beim Philharmonischen Orchester unter Johannes Zurl einen hochkompetenten Verwalter mit Leidenschaft.

Es ist eine wahre Freude, dem blasierten, dann fast ohnmächtig torkelnden Jedermann von Nils Stäfe zuzuschauen, wie er sich windet und duckt, wo vorher Egomanie herrschte: ein polternder Berserker ohne jede Empathie, aus dem plötzlich ein scheuer, schaudernder, winselnder Winzling wird. Jeanette Wernecke als Liebste versucht die alles verschlingende Arroganz mit Emotionen und Distanz zu kontrastieren. Mirjam Miesterfeldt als lasziver Tod, die mondäne Mutter von Gesine Forberger sowie Dirk Kleinke (Gott), Heiko Walter (Teufel) und Luzia Tietze (Werke) fügen sich mit den übrigen Akteuren gut gelaunt zu einem herrlich aufgedrehten Ensemble, das Tomo Sugao im moderaten Galopp durch das Sterbenlernen schickt. Kongenial liefern Böhmer und Lund mit „Jedermann“ ein Musical, das brisante Themen wie Profitgier, Statussymbole, Konsumrausch oder Narzissmus aufgreift, mit eingängig flotter Musik von Gospel-Sound bis Ballade und griffigen Texten, die auch theologische Implikationen streifen. Das Publikum reagiert mit begeistertem Zuspruch.


Musikalische Leitung: Johannes Zurl • Regie: Tomo Sugao • Choreografie: Thomas Helmut Heep • Bühne: Paul Zoller und Charlotte Spichalsky • Kostüme: Carola Volles • Choreinstudierung: Neritan Hysa und Christian Möbius • Dramaturgie: Corinna Jarosch • Mit: Nils Stäfe (Jedermann), Mirjam Miesterfeldt (Der Tod), Jeanette Wernecke (Die Liebste), Gesine Forberger (Die Mutter), Hardy Brachmann (Der gute Gesell), Dirk Kleinke (Gott/Schausteller), Heiko Walter (Der Teufel), Luzia Tietze (Werke/Schuldners Frau), Andreas Jäpel (Der Schuldner), John Ji (Mammon), Miko Abe (Die Köchin + Sopran-Solo Nr. 7 „Mutter“), Zela Corina Caliţa (Angestellte), Oleksandr Vashchenko (Der Knecht), Benjamin Kühnert (Der Vogt), Hans Anacker (Der dicke Vetter), Florin Emilian Caliţa (Der dünne Vetter), Isabelle Osenau (Die Base), Iryna Vashchenko (Das Fräulein + Sopran-Solo Nr. 18 „Höllenfahrt“) • Opernchor und Statisterie des Staatstheaters Cottbus • Philharmonisches Orchester Cottbus

Aufmacherfoto: Bernd Schönberger

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