schlofe westside story 170626 MBB8537 | MUSICAL TODAY

West Side Story

Gefällig, aber zu klein!

placeholder | MUSICAL TODAY
Ort
Schlossfestspiele Ettlingen
VON
Leonard Bernstein (Musik)
Arthur Laurents (Book)
Stephen Sondheim (Liedtexte)
Frank Thannhäuser und Nico Rabenald (Deutsche Fassung)
Direction
Solvejg Bauer
World premiere
1957

Eine „West Side Story“ ohne Bandengefühl

Intendantin Solvejg Bauer, die mit Beginn der kommenden Spielzeit ans Theater Heilbronn wechselt, wählte zum Auftakt ihrer letzten Saison bei den Schlossfestspielen Ettlingen Leonard Bernsteins Meisterwerk „West Side Story“ – und hat sich damit leider ziemlich verhoben. Das beginnt schon mit der Größe des Ensembles: Neben den Protagonisten Tony, Maria und Anita stehen für die Kämpfe gerade noch sechs Jets und vier Sharks (!) auf der Bühne. Dass so kein Bandengefühl aufkommt, ist klar. Bei der letzten Produktion 1994/95 waren immerhin 18 Mitwirkende an den Auseinandersetzungen beteiligt.

Zudem muss das kleine Häuflein der Jets auf eine völlig übertriebene Art auf „Cool“ machen, sodass das Ganze eher einer Parodie ähnelt. Erst nach der Pause nimmt die Darstellung einen etwas realistischeren Ton an. Offen bleibt auch, warum Chino, der am Schluss Tony erschießt, mit einer Sängerin besetzt wurde, so ergreifend Maram El Dsoki das „Irgendwo (Somewhere)“ auch singt. „Irgendwo“: Das heißt, es wird auf Deutsch gesungen und die Übersetzung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald ist nun – leider – wirklich nicht die geschliffenste. Hätte eine englischsprachige Produktion wirklich so viele Zuschauer abgeschreckt?

Musikalisch bleiben wenige Wünsche offen. Allen voran schafft Bernard Bagger mit dem Ettlinger Kammerorchester ein ausgezeichnetes Fundament für die Sänger. Diese werden dominiert von Paulina Rodriguez Busquets, die alle Erwartungen an eine Maria geradezu übererfüllt: großartig im Gesang, mitreißend in der Darstellung – eine Idealbesetzung. Auf diesem Niveau agiert sonst niemand, am ehesten noch Manar Elsayed als temperamentvolle Anita. Denis Riffel als Tony, Beneon Stevenson als Riff und Teodor Pop als Bernardo sind gut, kaum aber mehr. Das Problem bei Riffel: Sein schöner Tenor trägt immer erst nach einigen Takten so richtig, im Ansatz klingt die Stimme oft wie reiner Sprechgesang. Bei den Vertretern der Erwachsenenwelt sticht Nils Willers als Doc hervor, der die Verzweiflung des alten Kioskbesitzers überzeugend vermittelt. Glad Hand (ebenfalls Willers), Lieutenant Schrank (David Lison) und Officer Krupke (Thomas Kuhle) dagegen folgen den gewohnten Klischees.

Für die Produktion musste die barocke Schlossfassade fast völlig verdeckt werden. Ein Baugerüst über die gesamte Breite der Bühne suggeriert einen heruntergekommenen Stadtteil kurz vor dem endgültigen Abriss oder einer bevorstehenden Gentrifizierung. Christian Held gelingt es recht überzeugend, damit eine leicht morbide Atmosphäre zu erzeugen. Weniger inspiriert zeigen sich Gesa Grönings Kostüme, die kaum Individualität erkennen lassen. Das Lichtdesign (Michael Grundner) geht völlig in Ordnung, beim (anonym gebliebenen) Sounddesign muss man dagegen Abstriche machen. So ist etwa aufgrund mangelnder Transparenz bei „America“ kaum ein Wort des ironischen Textes zu verstehen.

Die Regie konzentriert die Szenen der Jets vorwiegend auf der ebenen Vorbühne, während die Sharks meist auf dem Gerüst und den dahinterliegenden Räumen agieren: eine überzeugende Lösung, um eine auch räumliche Trennung anzudeuten. Leider verzichtet die Regisseurin auf den versöhnlichen Schluss, in dem die beiden Gangs den von Chino getöteten Tony gemeinsam von der Bühne tragen. Ab der kommenden Spielzeit übernimmt Carsten Lepper das Zepter bei den Ettlinger Schlossfestspielen.


Musikalische Leitung: Bernard Bagger • Regie: Solvejg Bauer • Choreografie: Letícia Forattini • Bühne: Christian Held • Kostüme: Gesa Gröning • Licht: Michael Grundner • Mit: Leander Bertholdt (Action), Denis Riffel (Tony), Beneon Stevenson (Riff), Sven Thimsen (A-Rab), Max Hellmich (Baby John), Charlotte Beba (Graziella), Ida Götz (Anybody’s), Teodor Pop (Bernardo), Maram El Dsoki (Chino), Maximilian Kikken (Pepe), Maximilian Schneider (Indio), Paulina Rodriguez Busquets (Maria), Manar Elsayed (Anita), Anna Luca Farradi (Rosalia), Aloysia Astari (Consuela), Nathalie Nongploi Plüss (Francisca), Nils Willers (Doc/Glad Hand), David Lison (Schrank), Thomas Kuhle (Krupke) u.a. • Ettlinger Kammerorchester

Aufmacherfoto: Michael Bode

Spielorte

Archive