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01 Schimmelreiter Das Mystery Musical copyright spotlight  Fotograf Michael Werthmueller | MUSICAL TODAY

Der Schimmelreiter

Ein Storm zieht auf

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Venue
spotlight musicals (Musical Sommer Fulda)
by
Dennis Martin (Musik)
Dennis Martin, Christoph Jilo und Kevin Schroeder (Buch und Liedtexte)
Direction
Simon Eichenberger
World premiere
2026

„Der Schimmelreiter“ wandelt zwischen Leben und Tod

Nach gerade mal drei Minuten flucht ein Techniker hörbar – und das Saallicht geht wieder an. Ein auf Video-Effekte ausgelegtes Mystery-Musical ohne Videos? Produzent Peter Scholz gibt kurzerhand den Entertainer, bis die Störung behoben ist und die Uraufführung des neuen „Schimmelreiter“-Musicals ihren zweiten Anlauf nehmen kann. Dann türmen sich im Schlosstheater Fulda meterhohe Wellen, Gischt, Nebel und Sturmwolken (Videodesign: Michael Balgavy) – die Nordsee liegt diesen Sommer im barocken Hessen.

Theodor Storms Novelle von 1888 stand lange auf der Wunschliste von spotlight-Komponist Dennis Martin. Mit dem Opener „Der Reiter zwischen den Welten“ liefert er direkt das musikalische Highlight des Abends, Gänsehaut, sinfonischer Schmelz und ein Hauch Bombast inklusive. Überhaupt sind gerade die Mystery-Momente eindrucksvoll, die friesischen Volksszenen und teils auch die Romantik dagegen etwas beliebig. Der Halbplayback-Score dürfte gern noch etwas mehr Küsten-Feeling versprühen, wenn auch zwischendurch Santiano-Vibes aufkommen („Wer nicht deichen will, muss weichen“).

Hauke Haiens Geschichte ist in Zeiten des Klimawandels aktueller denn je: Wie können sich die Küstenbewohner vor den unberechenbaren Gewalten des Meeres schützen? Und wie viel lässt sich der Natur abtrotzen, bevor sie den Menschen in seine Schranken verweist? Hauke glaubt an die Wissenschaft („Die ganze Welt ist Mathematik“), geht als neuer Deichgraf den Weg des Fortschritts – und wird von seiner eigenen, abergläubischen Dorfgemeinschaft dafür verteufelt. Bis die Katastrophe hereinbricht …

„Verbannt vom Leben und vom Tod“ – Regisseur Simon Eichenberger übersetzt das in eine visuell packende Filmsprache. So entstehen Bilder, die nachhallen: der Unterwasser-Effekt des in den Fluten ertrinkenden Hauke etwa, wenn die Bühne zum seltsam entrückten „Auge des Sturms“ inmitten der dröhnenden Fluten wird. Oder die unheilschwangere Prophezeiung der sterbenden Trin Jans, während blutroter Regen wie Lava vom pechschwarzen Himmel fällt. Intime Momente des Innehaltens sind dem gegenüber zu rar gesät, da das Buch von Dennis Martin, Christoph Jilo und Kevin Schroeder den Chor für ein Seelendrama wie dieses fast schon inflationär einsetzt – zwei, drei Ensemblenummern weniger zugunsten weiterer starker Solo-Songs hätten dem Stück gutgetan.

Als Hauke beweist Sascha Kurth sein großes Talent. Eine satte Brust- trifft auf eine verzweifelt aufschreiende Kopfstimme, die die verletzliche Lebensreise des „Schimmelreiters“ mit großer Emotionalität zeichnet (überragend „Lass sie leben“). In seiner Frau Elke findet er eine Kraft- und Impulsquelle, der Pamina Lenn reinste Wärme, aber auch Stärke und subtilen Humor verleiht – die Stimmen von ihr und Kurth harmonieren im großen Liebesduett exzellent. Dennis Henschel als Ole Peters verkörpert Neid, Missgunst und soziale Härte mit Nachdruck, während Anja Backus als dessen geltungssüchtige Frau Vollina leider „over the top“ auf stimmliche Durchschlagskraft aus ist, wodurch die Dorf-„Inquisition“ zur Karikatur verkommt. Ganz anders sieht es bei Kaatje Dierks aus, die als Trin Jans nicht nur einen gehörigen Schuss Mystik, sondern auch opernhafte Dramatik in den Ring wirft. Abgerundet wird die Cast von Thorsten Tinney (Schulmeister/Tede Haien) und Volker Metzger, der als Haukes Deichgraf-Vorgänger mit friesischen Nasal-Loopings die Lacher auf seiner Seite hat.

Gemeinsam mit Marta Di Giulio packt Simon Eichenberger die Geschichte in solide, aber nicht durchgängig originelle Choreografien. Beste Wirkung garantieren trotzdem Charles Quiggins Bühnenbild, das von stürmischen Deich-Bauarbeiten über angedeutete Katen bis zur in rotes Herbstlicht getauchten Garten-Idylle variantenreich arbeitet, und die historisch angelehnten Kostüme von Aleš Valašek.

Was beim „Schimmelreiter“ natürlich nicht fehlen darf, ist der Schimmel. Das von Puppendesigner Roger Titley konstruierte und von drei Spielern geführte lebensgroße Geisterpferd pendelt zwischen fahlem Gerippe und schnaubendem, quicklebendigem Tier – und spielt damit perfekt in den Seiltanz zwischen Leben und Tod hinein, dem dieses Musical seine Magie verdankt.


Musikproduktion: Dennis Martin und Fabian Kampa • Regie und Choreografie: Simon Eichenberger • Associate Choreography: Marta Di Giulio • Puppendesign: Roger Titley • Puppenregie: Markus Schabbing • Bühne: Charles Quiggin • Kostüme: Aleš Valašek • Maske: Elke Quirmbach • Videodesign und Visual Artwork: Michael Balgavy • Licht: Stephanie Affleck • Sounddesign: Fabian Kampa • Mit: Sascha Kurth (Hauke Haien/Reisender), Pamina Lenn (Elke Volkerts), Dennis Henschel (Ole Peters), Anja Backus (Vollina Harders), Thorsten Tinney (Schulmeister/Tede Haien), Kaatje Dierks (Trin Jans), Volker Metzger (Deichgraf/Arzt), Liv (Junger Hauke), Feline (Wienke) u.a.

Aufmacherfoto: Michael Werthmüller

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