My fair Lady FT 23.05.26 0404 | MUSICAL TODAY

My Fair Lady

Eine Eliza zum Verlieben, aber ein Higgins zum Niederknien!

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Venue
Volksschauspiele Ötigheim
by
Frederick Loewe (Musik)
Alan Jay Lerner (Buch und Liedtexte)
Robert Gilbert (Deutsche Fassung)
Direction
Marc Krone
World premiere
1956

Musical vom Feinsten mit „My Fair Lady“

Für die diesjährige Festspielsaison scheinen sich die Volksschauspiele Ötigheim ganz besonders ins Zeug gelegt zu haben. Schon oft hatte Deutschlands größte Freilichtbühne in der Nähe von Karlsruhe musikalische Produktionen aus Musical, Operette und sogar Oper im Programm, doch immer musste für einige zentrale Partien auf professionelle Gäste zurückgegriffen werden. Dieses Jahr gelang es, die Premiere von „My Fair Lady“ ausschließlich mit hauseigenen Kräften zu besetzen. Auch in der besuchten Folgevorstellung stehen zwar mit Lisa Hähnel und Stefan Roschy zwei Profis auf der Bühne, doch auch sie sind den Volksschauspielen eng verbunden, fungieren sie doch als Gesangs- bzw. Sprachcoach für die Mitwirkenden.

Und was soll man sagen? Die Aufführung übertrifft alle Erwartungen, die man an eine Freiluftaufführung stellen kann – und zwar nicht nur im Amateurbereich! Das beginnt mit der exzellenten Regie von Marc Krone, der die großen Volksszenen (bei denen wieder bis zu 300 Personen auf der Bühne stehen) souverän koordiniert und in der Ascot-Szene natürlich auch den in Ötigheim obligatorischen Auftritt des Reitervereins vorsieht. Gleichzeitig gibt Krone aber auch den kammerspielartigen Szenen im Haus von Professor Higgins den nötigen Raum.

Gerade hier erlebt man wirklich Schauspielkunst vom Feinsten. Ohne Wenn und Aber: Reinhard Danner (wohlgemerkt: ein „Amateur“!) ist der beste Higgins, den der Rezensent je erleben durfte – Zoll für Zoll der überhebliche, empathielose Wissenschaftler, für den Eliza kaum mehr ist als Arbeitsmaterial. Doch wie Danner hinter dieser Maske die Frustration und Einsamkeit aufscheinen lässt, das ist einfach großartig. Mit Lisa Hähnel hat er eine ideale Gegenspielerin, auch sie überzeugt auf ihrem Weg vom einfachen Blumenmädchen zur selbstbewussten Frau, die schließlich – das deutet der Schluss an – ihr Leben selbst in die Hand nimmt und (zunächst zumindest) sich weder Freddy zuwendet noch zu Higgins zurückkehrt.

Ein absolutes Kabinettstückchen bietet auch Martin Kühn als Vater Doolittle. Auch er ein sogenannter Laie, der aber in Ötigheim schon in vielen großen Partien wie dem Schinderhannes oder als Jedermann auf der Bühne stand. Seine unbändige Spielfreude allein füllt schon die breite Bühne der Volksschauspiele, der mitreißenden Songs „Mit ’nem kleenen Stückchen Glück“ und „Bringt mich pünktlich zum Altar“ hätte es da fast nicht mehr bedurft. Auch ihm ein dickes Bravo! Als schwärmerischer Freddy Eynsford-Hill schließlich überzeugt Tobias Kleinhans mit einem schönen, in der Höhe angenehm leichten Tenor.

Vervollständigt wird das rundum überzeugende Ensemble durch Stefan Roschy als väterlichem Oberst Pickering, Petra von Rotburg als warmherzige Mrs. Higgins und Sabine Speck als treusorgende Mrs. Pearce. Und selbst bei den kleinen Partien gibt es hinreißende Darstellungen wie von Markus Wild-Schauber als Zoltan Karpathy oder von Christoph Dettling und David Kühn als Doolittles Trinkkumpane Jamie und Harry.

Doch auch noch viele, viele andere tragen das ihre zum immensen Erfolg der ausverkauften Aufführung bei. Da sind die mehrfach mit Szenenbeifall bedachten Kostüme von Ulli Kremer, da ist Hakan T. Aslans hinreißende Choreografie, die gerade so weit geht, dass nicht nur die Tanzgruppen der Volksschauspiele, sondern alle Mitwirkenden tanzen, als würden sie kaum etwas anderes tun. Und natürlich ist da Bernard Bagger, der musikalische Leiter der Aufführung, der den ganzen Apparat bis hin zum letzten Choristen souverän zusammenhält. Kein Wunder, dass die Produktion im nächsten Jahr wieder auf dem Programm steht.


Musikalische Leitung: Bernard Bagger • Regie: Marc Krone • Choreografie: Hakan T. Aslan • Bühne: Karel Spanhak • Kostüme: Ulli Kremer • Maske: Melanie Langenstein und Amelie Wellige • Leitung Ton: Steffen Sachsenmaier • Stimmbildung: Lisa Hähnel • Sprach- und Schauspielcoaching: Stefan Roschy • Einstudierung Jugendchor: Maria Bagger • Mit: Lisa Hähnel (Eliza Doolittle), Reinhard Danner (Prof. Henry Higgins), Stefan Roschy (Oberst Pickering), Martin Kühn (Alfred P. Doolittle), Tobias Kleinhans (Freddy Eynsford-Hill), Sabine Speck (Mrs. Pearce), Christoph Dettling (Jamie), David Kühn (Harry), Petra von Rotberg (Mrs. Higgins), Patricia Merkel (Mrs. Higgins’ Zofe), Tina Kalkbrenner (Mrs. Eynsford-Hill), Markus Wild-Schauber (Prof. Zoltan Karpathy) u.a. • Spielergemeinschaft, Chöre, Jugendchor, Tanzgruppen und Reiterei der Volksschauspiele Ötigheim

Aufmacherfoto: Lukas Tüg

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