Szenenfotos NTN c Laura Schloesser 1 | MUSICAL TODAY

Next to Normal

Der Wahrheit ins Auge sehen

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Venue
hinx+kunst (Teo Otto Theater)
by
Tom Kitt (Musik)
Brian Yorkey (Buch und Liedtexte)
Titus Hoffmann (Deutsche Fassung)
Direction
Iris Limbarth
World premiere
2008

Berührende Produktion von „Next to Normal“

Was der Oscar für den Film ist, das ist der seit 1917 verliehene Pulitzer-Preis für besondere Leistungen in verschiedensten Medien, von journalistischen Arbeiten über Bücher und Fotos bis hin zu Theaterstücken. Auch Musicals tauchten in der Kategorie „Drama“ bis heute ein knappes Dutzend Mal in den Preisträgerlisten auf: Es begann 1932 mit Gershwins „Of Thee I Sing“ und reicht bis „A Strange Loop“ (2020) von Michael R. Jackson. Während die überwiegende Zahl der ausgezeichneten Musicals den Broadway-Glamour widerspiegelten, war „Next To Normal“ 2010 das erste zeitgenössische Musical, das über den Off-Broadway den Weg auf die große Bühne schaffte.

Mittlerweile hat das von Tom Kitt (Musik) und Brian Yorkey (Buch und Liedtexte) geschriebene Stück auch im deutschsprachigen Raum seinen Siegeszug angetreten. Wohl auch, weil sein Thema, die bipolare Störung, ein noch immer tabuisiertes Krankheitsbild ist. Im Mittelpunkt steht die gut situierte US-Mittelschichts-Familie Goodman: Diana und Dan mit ihrem 18-jährigen Sohn Gabe und der zwei Jahre jüngeren Tochter Natalie. Bald stellt sich heraus, dass Gabe lediglich in der Fantasie seiner Mutter existiert – und nur von ihr (und dem Publikum) gesehen werden kann: In Wirklichkeit ist er als Säugling verstorben. So entwickelt sich ein psychologisches Kammerspiel um eine Krise, die zwischen Verdrängung und Der-Wahrheit-ins-Auge-sehen schwankt. Auch Natalies Freund Henry wird in diesen Gefühlsstrudel hineingerissen, dem Dianas Psychiater Dr. Madden und Dr. Fine letztlich hilflos gegenüberstehen: Dan verzweifelt immer mehr an der Situation, Natalie flieht in den Drogenkonsum und Diana beschließt nach einem Selbstmordversuch die Familie zu verlassen und einen Neuanfang zu wagen …

„Next To Normal“ ist die erste eigene Produktion des Teo Otto Theaters, das ansonsten den Abschlussproduktionen der Essener Folkwang Universität eine Heimstatt bietet und als Abspielstätte für Tournee-Veranstaltungen dient. Der Zufall führte den rührigen Remscheider Intendanten Sven Graf mit dem Eventmanager Florian Hinxlage zusammen – und da Hinxlage auch ein renommierter Musical-Regisseur und -darsteller ist, war die Idee einer Zusammenarbeit schnell beschlossene Sache. Als Regisseurin verpflichtete man die für ihre Nachwuchsförderung mit dem Preis der Deutschen Musical Akademie ausgezeichnete Iris Limbarth. Und die macht ihrem Ruf alle Ehre: Feinfühlig führt sie die drei Nachwuchstalente Svea Harder (Natalie), Raphael Binde (Gabe) und Niklas Schinke (Henry) durch die psychologischen Untiefen der Geschichte und die Höhen ihrer Gesangskunst, die den zwischen Rock, Country, Pop und Jazz angesiedelten Kompositionen emotionale Tiefe verleiht.

Florian Hinxlage, der als Dan vom Libretto her die undankbarste Rolle in diesem Psychospiel hat, rettet sich mit seiner Bühnenroutine über die Runden, während Hannes Staffler seine Doppelrolle als Dr. Madden und Dr. Fine wieder mit jenem einnehmenden Charisma ausfüllt, das man in seiner Rolle als Robert im Pur-Musical „Abenteuerland“ so vermisst hatte. Femke Soetengas schauspielerische wie gesangliche Leistung zu würdigen, hieße buchstäblich „Noten an den Broadway tragen“:  Gefühlt ununterbrochen auf der Bühne stehend, kehrt sie berührend ihr Seenleben nach außen, lässt sich von der hämmernden Dynamik der sechsköpfigen Liveband (unter der präzisen Leitung von Christoph Spengler) mitreißen und hält bei den leiseren Tönen in herzzerreißender Verzweiflung inne.

Alles wird zusammengehalten vom funktionalen, dem inneren Chaos eine klare Struktur entgegensetzenden Bühnenbild von Jens Janke, der nicht nur große Bühnen wie Tecklenburg kann, sondern auch kleinen seinen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken versteht. Eine rundum gelungene Produktion, der man nur viel Erfolg bei ihrer Tournee durch die deutschsprachigen Lande wünschen kann.


Musikalische Leitung: Christoph Spengler • Regie: Iris Limbarth • Bühne: Jens Janke • Kostüme und Maske: Lara Regula • Licht: Maik Lichtmann • Ton: Mathias Kluge • Mit: Femke Soetenga (Diana Goodman), Florian Hinxlage (Dan Goodman), Svea Harder (Natalie Goodman), Raphael Binde (Gabe Goodman), Niklas Schinke (Henry), Hannes Staffler (Dr. Madden/Dr. Fine)

Aufmacherfoto: Laura Schlösser

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