Pinkelstadt – Ab in die Büsche!

GmbHarn & Klo KG

oRT
Theater für Niedersachsen Hildesheim
von
Greg Kotis (Buch)
Mark Hollmann (Musik)
Regie
Annika Dickel
Uraufführung
2001

In der „Pinkelstadt“ wird gnadenloser Profit mit der Notdurft gemacht

Extreme Dürre führt zu akuter Wasserknappheit, das plagt die Bevölkerung heftig. Aktuell trifft es zum Beispiel sehr real europäische Regionen wie Katalonien und Südostfrankreich. Irgendwann wird der Hahn zugedreht und öffnet sich nur noch, wenn die Kasse ordentlich klingelt. Es ist wie so oft: Selbst aus schlimmsten Notlagen schöpfen gierige Geier in Menschengestalt unermesslichen Profit. Besonders schlimm, wenn sogar die Notdurft in den öffentlichen Toiletten zum rasend teuren Luxus mutiert. Das bringt einige gehörig auf die Palme und befördert revolutionäre Verhältnisse. In der Angelegenheit liegt daher eine Menge explosiver Sprengstoff und globaler Bezüge.

Greg Kotis (Buch/Songtexte) und Mark Hollmann (Musik/Songtexte) gestalteten aus dem brisanten Stoff 2001 ein Musical, das am Broadway fast 1.000 Aufführungen erlebte und drei Tony Awards einheimste. „Urinetown“ läuft in Deutschland unter dem Namen „Pinkelstadt“ und reüssierte bislang weniger erfolgreich auf den Bühnen als in den USA. Im Hildesheimer Theater für Niedersachsen zeigt die Musical Company jetzt eine putzmuntere, ungeheuer spaßig aufgedrehte Produktion mit dem Zusatz „Ab in die Büsche!“.

Reich und Arm liegen brutal im knisternden Clinch. Die Ausstattung von Anna Siegrot zeigt es plakativ: Ein Stahlgitter trennt die Welten, die einen leben im Metallverschlag, die anderen in futuristischen Glasbauten und die ökologische Katastrophe spült dem skrupellosen Firmenboss Werdmehr von Mehrwerth reichlich Moneten aufs Konto. Seine florierende Firma läuft unter GmbHarn & Klo KG, was Bände spricht, wie auch die Namen der Hauptfiguren entsprechendes Omen versprühen. „Was ist denn das für ein Musical“, fragt die kecke Erna zu Beginn und trifft den Nagel auf den Kopf. In der Tat zeigt sich hier ein höchst ungewöhnliches Stück, das ebenso unterhält wie feingeistig zu denken gibt: Kapitalismuskritik wird dabei als knallfreche Satire serviert. Folglich bürstet sich „Urinetown“ konsequent gegen den Strich des ansonsten grassierenden Unterhaltungstheaters mit seinem ungezählten Bühnengetier, Phantomen oder Fantasy-Figuren. Die deutsche Fassung von Ruth Deny (Buch) und Wolfgang Adenberg (Gesangstexte) greift den flapsig-flotten Ton beherzt auf und filtert den ironischen Gehalt raffiniert heraus.

Als Regie-Duo fungiert Annika Dickel, die auch für eine bisweilen spektakuläre Choreografie verantwortlich zeichnet, mit Fabien Joel Walter. Beides Experten, die das Metier verstehen und das Ensemble in rasante Bewegung setzen. Lediglich zu Beginn des zweiten Teils schleppt sich das Tempo etwas, um rasch wieder in den Galopp zu wechseln. Schnell wird jedem klar: Wer unerlaubt in die Büsche springt, um den inneren Drang zu erleichtern, muss mit schweren Strafen rechnen. Kein Wunder, wenn der soziale Friede bröckelt und überall gefährliche Situationen lauern. Vor allem Jonny Stark erweist sich als mutiger Drahtzieher, der gegen die üblen Machenschaften der Mehrwerths radikal zu Felde zieht und dergestalt auch manche Sympathie der jungen Frauen erntet, die er mit unschuldigem Dackelblick goutiert. Louis Dietrich pendelt wunderbar zwischen Revolte und Romantik und hat den Handlungsfaden fest im Griff. Seine Mitakteure lassen sich von dieser Begeisterung unversehens anstecken und entlocken dem turbulenten Pinkel-Plot etliche Pointen, voran Karsten Oliver Wöllm als diabolischer Mogul, der über Leichen stakst, Lucía Bernadas Cavallini als Klein-Erna und Jürgen Brehm als berserkernder Wachtmeister Kloppstock. Daneben glänzen im Hingucker-Bühnenbild besonders Katharina Wollmann (Freya von Mehrwerth) sowie in diversen Rollen Silke Dubilier, Daniel Wernecke und Samuel Jonathan Bertz.

Andreas Unsicker leitet die Band, sorgt für Feuer und Gefühle, bandelt mit Tango, Gospel-Sound und Jazz an, bringt Songs wie „It’s a Privilege to Pee“,“Snuff That Girl“ oder „We’re Not Sorry“ mit ordentlich Drive und Leidenschaft in Wallung. „Pinkelstadt – Ab in die Büsche!“ zeichnet das Bild einer dystopischen Zukunft, aber nie belehrend, sondern blendend unterhaltsam. Die Hildesheimer TfN-Musical-Company präsentiert sich in Topform, voller Energie und in allerbester Spiellaune. Das Publikum jubelt.


Musikalische Leitung: Andreas Unsicker • Regie und Choreografie: Annika Dickel • Co-Regie: Fabian Joel Walter • Ausstattung: Anna Siegrot • Mit: Jürgen Brehm (Wachtmeister Kloppstock), Lucía Bernadas Cavallini (Klein-Erna), Louis Dietrich (Jonny Stark), Katharina Wollmann (Freya von Mehrwerth), Karsten Oliver Wöllm (Werdmehr von Mehrwerth/Der alte Stark), Silke Dubilier (Elfriede Fennichfux/Polizistin/Büroangestellte), Daniel Wernecke (Wachtmeister Wampe/Willi/Büroangestellter), Samuel Jonathan Bertz (Herr Kaiser/Gretchen/Polizist), Jack Lukas (Abgeordneter Schmier/Knuth/Polizist), Elisabeth Köstner (Suse/Polizistin/Büroangestellte)

Aufmacherfoto: Tim Müller

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