Der Hase mit den Bernsteinaugen Musikalische Komoedie Foto Tom Schulze 7 | MUSICAL TODAY

Der Hase mit den Bernsteinaugen

Im allzu hellen Licht der Verfolgung

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Oper Leipzig
von
Thomas Zaufke (Musik)
Henry Mason (Buch und Liedtexte)
Regie
Henry Mason
Uraufführung
2019

Deutsche Erstaufführung von „Der Hase mit den Bernsteinaugen“

Am Premierenabend hagelt es Ovationen ohne Ende, obschon die Produktion mit einer für das Genre untypischen Gesamtdauer von fast dreieinhalb Stunden einige Längen und strukturelle Lücken offenbart – letztere in gleich mehreren Parametern. Dennoch markiert das Musical „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ einen glanzvollen Höhepunkt des jüdischen Kulturjahres „Tacheles 2026“ in Sachsen.

Die Uraufführung erfolgte 2019 am Landestheater Linz – beflügelt durch den immensen Erfolg des gleichnamigen Romans von Edmund de Waal. In diesem rekonstruierte der britische Autor die 150 Jahre umspannende Chronik seiner eigenen Familie, der jüdischen Bankiersdynastie Ephrussi. Deren Spuren führen von Odessa über Paris und Wien in die Katastrophe des Holocaust, später nach London und Japan. Der Titel bezieht sich auf eine Figur aus der Sammlung japanischer Miniaturfiguren im Familienbesitz.

Das klug erweiterte Ensemble bewältigt imponierende Herkulesaufgaben: Bis zu 14 Rollen pro Person verlangen den Akteuren beträchtliche Textmengen ab, obwohl Thomas Zaufkes Partitur mit geschlossenen Formen und großzügig wiederholten Melodielinien zum Durchkomponierten tendiert. Besonders einprägsam profiliert sich Nora Lentner als Elisabeth von Ephrussi, die sich den Anwaltsberuf gegen tradierte Rollenmuster erkämpft. Zu einem Moment emotionaler Erschütterung gerät der Freitod der koketten Emmy, den Olivia Delauré mit berührender Intensität beglaubigt. Jeffery Krueger, Michael Raschle, Andreas Rainer und Johann Zumbült garantieren gemeinsam mit einer Riege erstklassiger Gäste ein hochkarätiges Niveau.

Regisseur Henry Mason hat seine sieben Jahre alte Linzer Uraufführungs-Inszenierung für diese deutsche Erstaufführung feinnervig nachjustiert. Als eigener Textdichter strafft und bündelt er die disparaten Episoden durch eine kommentierende Rahmenhandlung um den Autor Edmund de Waal. Christof Messner zeigt dessen Obsession für die Ahnenforschung weniger als Besessenheit denn als schleichende Entfremdung von seiner Kleinfamilie. Francesc Abós und Lorna Dawson gestalteten die wirkungsvollen Choreografien, während Jan Meier einen temporeichen Bilderbogen und ein regelrechtes Kostümfest entfesselt. Ein steril weißer Boden vor einer großflächigen Videowand wird überwiegend linear und pragmatisch bespielt, lässt deshalb jedoch die doch so wesentlichen szenischen Zwischentöne vermissen.

Schlag auf Schlag reihen sich die historischen Situationen aneinander. Der bereits tief im 19. Jahrhundert wuchernde Antisemitismus wird allerdings szenisch nicht mit dem angemessenen Gewicht austariert. Sich langsam verlängernde Schatten und atmosphärische Brechungen – wie etwa in „Cabaret“ – werden sich in der anstehenden Vorstellungsserie mit Sicherheit entwickeln. Erst die NS-Szenen brechen den bis zur Pause dominierenden, an ein Volkshochschul-Kompaktseminar erinnernden Ablauf auf. Dagegen überraschen die 20 Minuten bis zu Enteignung und Emigration unmittelbar nach der Unterbrechung mit einer überstürzten Dramatik und gestischen Drastik, die das zuvor vernachlässigte apokalyptische Donnergrollen kompensieren. Die NS-Schergen – bemerkenswerterweise auch mit Frauen besetzt – liefern beängstigend drahtige Auftritte.

Der Graben präsentiert sich dicht besetzt. Musikdirektor Michael Nündel grenzt die Stilperioden von der Belle Époque über die Secession bis hin zur europäischen Eroberung durch den Jazz und den Zweiten Weltkrieg sorgfältig voneinander ab. Zu der in Zaufkes Partitur naheliegenden, spezifischen Klangfarben-Differenzierung findet das Orchester der Musikalischen Komödie in der Premiere indes noch zu selten. Nach diesem alle Energien des Hauses fordernden Abend wird sich in den Folgevorstellungen gewiss der nötige Feinschliff und eine geschärfte Achtsamkeit für die im Graben nicht unwesentlichen Details einstellen. Das Publikum dankt dem Ensemble für eine alle Kapazitäten des Hauses Dreilinden bündelnde, triumphale Leistungsschau.


Musikalische Leitung: Michael Nündel • Regie: Henry Mason • Choreografie: Francesc Abós • Associate Choreography: Lorna Dawson • Ausstattung: Jan Meier • Dramaturgie: Jeffrey Döring • Mit: Christof Messner (Edmund de Waal), Nora Lentner (Sue Chandler/Elisabeth von Ephrussi), Michael Raschle (Ignace von Ephrussi (Alter Iggie)), Jannik Harneit (Charles Ephrussi), Kara Kemeny (Louise Cahen d’Anvers), Rob Pelzer (Viktor von Ephrussi), Olivia Delauré (Emmy von Ephrussi), Manuel Dengler (Jiro Sugiyama), Manja Stein (Anna (Zofe)), Benjamin Sommerfeld (Junger Iggie von Ephrussi), Jeffery Krueger (Edmond de Goncourt/Gestapo 1), Johann Zumbült (Rudolf von Ephrussi), Andreas Rainer (Auguste Renoir/Herr Steinhäusser), Michaela Bär (Ellen/Estiha), Da-yung Choreografie (Junge Gisela) u.a. • Ballett und Orchester der Musikalischen Komödie

Aufmacherfoto: Tom Schulze

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