Bajazzo darf nicht platzen

Tenöre in Lebensgefahr

oRT
Theater Pforzheim
von
Brad Carroll (Musik)
Peter Sham (Buch)
Regie
Markus Hertel
Uraufführung
2011

Für die Opernliebhaber unter den Musicalfans: „Bajazzo darf nicht platzen“

Ein italienischer Startenor mit Verspätung und Verdauungsproblemen, ein nervöser Impresario und sein gesanglich ambitioniertes Faktotum, aufdringliche Rudel weiblicher Fans und eine eifersüchtige Gattin machen dieses Musical zu einem Fest für alle Opernliebhaber mit Humor. „Lend Me A Tenor“ heißt die türenschlagende Komödie von Ken Ludwig, deren Musicaladaption 2011 in London Premiere hatte – als „Otello darf nicht platzen“ wurden beide in Deutschland gespielt. Der Gag des Abends bestand darin, dass zwei, teilweise drei identische, schuhcremeschwarze Otellos über die Bühne irrten und im wilden Chaos ständig verwechselt wurden. 

Blackfacing geht heute nicht mehr – aber zum Glück gibt es „Der Bajazzo“ von Ruggero Leoncavallo, wo der Tenor seine schmerzvollen Arien als weiß geschminkter Clown singt. Ken Ludwig tauschte einfach die Oper aus, in der Folge taten es ihm die Musicalautoren Peter Sham und Brad Carroll gleich: Stück gerettet. Die Tatsache, dass der spätere Bajazzo im ersten Akt dieser Verismo-Oper gar nicht angemalt ist und die im Musical geschilderte Verwechslungs-Charade damit eigentlich auffliegen müsste, wurde dabei geflissentlich ignoriert. Pforzheim zeigt als erstes deutsches Theater die neue Fassung des Musicals, Übersetzer Roman Hinze hat die deutschen Dialoge flüssig und mit leichtem Tonfall angepasst.

Die Farce über Tenöre und ihre Macken ist hier fast ausschließlich aus dem Opern-Ensemble besetzt, das sich und den ganzen Bühnenwahnsinn mit einer wunderbaren Selbstironie auf den Arm nimmt. Intendant und Regisseur Markus Hertel setzt die Exzentrik der Künstler und ihrer Fans mit hohem Tempo und viel Empathie in Szene. Warum man die bereits perfekte Komödie unbedingt vertonen musste, wird nicht ganz klar – Brad Carrolls Musik klingt eher nützlich als originell, manche Songs verzögern sogar das Geschehen, denn der Spaß liegt eindeutig in Ken Ludwigs witzigen Pointen. Auf sehr schöne Weise aber stellt der Komponist die Stimmen seiner beiden Hauptpersonen heraus, wenn Startenor Tito Merelli und der schüchterne Max, der ihn eigentlich betreuen soll, sich plötzlich durch ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Singen so wunderbar verstehen, dass ihre mächtigen Stimmen im Ohrwurm „Sei Du selbst“ wetteifern und harmonieren.

Mit ungeahnter Situationskomik sorgen nicht nur die beiden Tenöre Dirk Konnerth und Philipp Werner für Spaß: Konnerth als liebenswerter Direktions-Assistent, der den Stargast aus Versehen ins Koma versetzt und schließlich unerkannt für ihn einspringen muss, Werner als eleganter Teddybär mit Magenweh und großem Herzen. Mit einem detailgenau übertriebenen Akzent tobt Lilian Huynen als eifersüchtige italienische Gattin durchs Hotelzimmer, Markus Wessiack leidet als zynischer Impresario unter den Eheproblemen des Stargasts, unter den Damen der Operngilde und vor allem seinem Finanzloch. Joanna Lissai und Franziska Fait umflattern sowohl den Tenor wie den Assistenten mit deutlichen Ambitionen – je nachdem, wen sie gerade für den berühmten Gast halten.

Erwin Bodes Ausstattung fährt die boulevardeske Hotelsuite nach hinten weg, um große Szenen aus dem „Bajazzo“ zu zeigen, und bezaubert mit 1930er-Jahre-Details wie Sockenhaltern für sämtliche Männer. Die kleinen Tanzszenen, choreografiert von Tamirys Candido Souza da Silva, sorgen für ein wenig Charleston-Flair, haben aber keinerlei Bedeutung für die Handlung. Als ungewöhnlich fehleranfällig erweist sich an diesem Abend die Tonanlage im Pforzheimer Theater, aber Dirigent Johannes Antoni navigiert Sänger, Orchester und Chor schwungvoll durch den Abend. Für kleinere Opernhäuser mit gewitzten Sängerdarstellern dürfte dieses Stück perfekt an einer Planstelle zwischen Operette und Musical sitzen.


Musikalische Leitung und Chor: Johannes Antoni • Inszenierung: Markus Hertel • Ausstattung: Erwin Bode • Choreografie: Tamirys Candido Souza da Silva • Licht: Michael Borowski • Mit: Markus Wessiack (Henry Saunders/Canio), Dirk Konnerth (Max Garber/Canio), Joanna Lissai (Maggie Saunders), Philipp Werner (Tito Merelli/Canio), Lilian Huynen (Maria Merelli), Franziska Fait (Diana Divane/Nedda), Rebecca Kramski (Anna 1), Jina Choi (Anna 2), Dorothee Bönisch (Anna 3), Thorsten Klein (Bernie Guter/Mickey), Santiago Bürgi (Liftboy/Junger Tito/Beppe/Joe), Lou Denès (Empfangsdame/Junge Maria), Lukas Schmid-Wedekind (Maestro/Hoteldirektor/Tonio), Karel Pager (Silvio) u.a. • Chor und Kinderchor des Theaters Pforzheim • Badische Philharmonie Pforzheim

Aufmacherfoto: Martin Sigmund

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