
Der DDR-Hit „Mein Freund Bunbury“ reißt immer noch mit
Lange vor „Elisabeth“ oder „Tanz der Vampire“ gab es einen deutschsprachigen Musical-Hit mit internationaler Verbreitung: „Mein Freund Bunbury“, 1964 am (Ost-)Berliner Metropoltheater uraufgeführt. Jürgen Degenhardt (Buch und Liedtexte), Helmut Bez (Co-Autor) sowie Erfolgskomponist Gerd Natschinski bastelten aus der Vorlage von Oscar Wilde ein wirbelndes Stück mit eingängigen Liedern und Satire, transponierten den amüsanten Stoff in die 1920er Jahre – und ernteten dafür Ovationen von Baku bis Bukarest, inklusive Export in die Bundesrepublik. Dort schaffte es die Adaption sogar auf die Mattscheibe.
Eigentlich braucht das Werk keine Frischzellenkur, es überzeugt bis heute. Doch an den Landesbühnen Sachsen legt Regisseur Manuel Schöbel trotzdem Hand an die Vorlage und schubst den dramaturgisch ausgeklügelten Faden in die Gegenwart, wenn auch mehr optisch als inhaltlich. Das gelingt und entsprechend quittiert das Radebeuler Premieren-Publikum seine Lesart mit frenetischem Applaus, der zugleich dem fantastischen Ensemble gilt.
Fast noch mehr als in früheren Zeiten werden Biografien heute gern aufgehübscht und für den jeweiligen Anlass passgenau poliert. So lassen sich unliebsame Fragen vermeiden, Risse kaschieren, dunkle Ecken verbergen. Das praktizieren Jack und Algernon mit Wonne und verschaffen sich damit Freiräume für erotische Abenteuer oder dringend notwendige Nebeneinkünfte. Reichlich gefaked sind auch die zur Schau gestellten Seiten der übrigen Protagonisten. Heilsarmistin Cecily singt abends leicht geschürzt in der Music Hall, die mondäne Lady Bracknell bessert ihr Budget durch Dreigroschenkrimis auf. Irgendwie hat in Wildes „The Importance of Being Earnest“ jeder einen ziemlichen Schattenwurf. Manuel Schöbel akzentuiert zusätzlich die Verarmung der britischen Upper Class, die sich zur obligatorischen Tea Time nur noch Gurken-Sandwiches leistet – überhaupt breitet sich das Prekäre mächtig aus. Das Bühnenbild von Ines Nadler fängt diese Atmosphäre ein und begnügt sich mit raren, aber geschickt wandelbaren Requisiten. Die Kostüme von Sabina Moncys zielen schnurstracks auf Gegenwartsmode.
Die Radebeuler Inszenierung des DDR-Evergreens fängt die Stimmung zwischen staubiger Noblesse und Sittenverfall mit Finesse ein, die Figuren werden karikaturesk mit einigen Slapstick-Elementen zugespitzt. Mehr Selbstbewusstsein als im Original dürfen die Damen versprühen. Im Gegenzug offenbaren die Herren einen leicht trotteligen Habitus. Die Choreografie von Nora Schott und Stepp-Expertin Marie-Christin Zeissett bringt den ohnehin flotten Handlungsstrang in reizvoll garnierten Schwung, Manuel Schöbel zurrt alles perfekt und ohne Durchhänger auf Linie.
Hans-Peter Preu entlockt der Elbland Philharmonie den richtigen Sound für die hitzige Story, er präsentiert die Musik als grandiosen Wurf. Gert Natschinskis Partitur funkelt federnd in lichten Höhen, vom Charleston bis Black Bottom, vom Titelsong bis zum rauchigen Chanson. Famos, was aus dem Graben kommt und das ganze Ensemble sicht- und hörbar inspiriert, Chor und Tänzerinnen eingeschlossen.
Britischen Humor fängt besonders Andreas Petzoldt als Jeremias ein. Antje Kahn als Lady Bracknell zieht genüsslich im Hintergrund die Drähte, während Franziska Abram als Cecily und Marie-Audrey Schatz als Gwendolen ihr Doppelleben lange unter Verschluss halten, schließlich aber ihre Sehnsuchtsziele erreichen. Der Jack von Gero Wendorff ist in seiner Bigotterie rasch durchschaubar, während Johannes Wollrab als Algernon etwas diabolisch wie der späte Bruder von Franz Liszt wirkt. Michael König als Pastor Chasuble brilliert in der Ode auf den Alkohol und Iris Stefanie Maier (Miss Prism) bewahrt ihr Inkognito bis zur finalen Pointe. Die geschliffene Produktion präsentiert „Mein Freund Bunbury“ als zeitloses Musical mit Witz und mitreißend pulsierender guter Laune.
Musikalische Leitung: Hans-Peter Preu • Regie: Manuel Schöbel • Choreografie: Nora Schott • Stepp-Choreografie: Marie-Christin Zeissett • Bühne: Ines Nadler • Kostüme: Sabina Moncys • Dramaturgie: Johannes Frohnsdorf • Mit: Johannes Wollrab (Algernon Moncrieff), Gero Wendorff (Jack Worthing), Franziska Abram (Cecily Cardew), Antje Kahn (Lady Bracknell), Marie-Audrey Schatz (Gwendolen), Iris Stefanie Maier (Miss Prism), Michael König (Pastor Chasuble), Andreas Petzoldt (Jeremias) u.a. • Chor der Landesbühnen Sachsen • Tanzensemble des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden • Elbland Philharmonie Sachsen
Aufmacherfoto: René Jungnickel




