CableStreet2026JP–01941 | MUSICAL TODAY

Cable Street

Mit Klezmer-Hip-Hop gegen den Faschismus

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oRT
10 to 4 Productions (Marylebone Theatre)
von
Tim Gilvin (Musik und Liedtexte)
Alex Kanefsky (Buch)
Regie
Adam Lenson
Uraufführung
2024

„Cable Street“ trifft den Nerv der Zeit 

Die Schlacht in der Cable Street ist eines der eindrücklichsten Beispiele für den britischen Kampf gegen Faschismus – auch wenn sie im deutschsprachigen Raum kaum bekannt ist. Im Oktober 1936 stellte sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe jüdischer, irischer und kommunistischer Einwohner East Londons einem – von der Polizei geschützten – Aufmarsch der British Union of Fascists (BUF) entgegen. Es folgte eine Straßenschlacht zwischen 200.000 Anwohnern, den faschistischen Schwarzhemden, wie die Anhänger der BUF aufgrund ihrer schwarzen Uniformen genannt werden, und der Polizei, bei der die Schwarzhemden in die Flucht geschlagen werden konnten.

Tim Gilvin (Musik und Songtexte) und Alex Kanefsky (Buch) hatten 2017/18 unabhängig voneinander die Idee, ein Musical über dieses beeindruckende historische Ereignis zu schaffen. Im Londoner Marylebone Theatre erlebt ihre Show „Cable Street“ bereits die dritte Produktion. Im Zentrum der Handlung stehen drei Figuren: Mairead, eine irisch-katholische Kommunistin, ihr jüdischer Nachbar Sammy, der von einer Karriere als Boxer träumt, sowie der Engländer Ron, der sich aus Frust über fehlende berufliche Perspektiven den Schwarzhemden anschließt.

Während der erste Akt die Figuren vorstellt und in die persönlichen wie gesellschaftlichen Konflikte einführt, startet der zweite mit der visuell spektakulär umgesetzten Schlacht in der Cable Street, an der alle drei Protagonisten beteiligt sind. Leider greift Kanefskys Buch stellenweise auf recht klischeehafte und vorhersehbare Handlungsmuster zurück (etwa Rons schematische Wandlung vom Mitläufer zum Geläuterten) und hat bisweilen Schwierigkeiten, eine konsistente Geschichte zu erzählen. Die Idee, die historische Handlung mehrfach durch eine Tourgruppe, die durch die heutige Cable Street geführt wird, zu unterbrechen, wirkt beispielsweise oft unmotiviert.

Dass der Abend trotzdem funktioniert, ist vor allem dem abwechslungsreichen Score von Tim Gilvin zu verdanken, dessen eklektizistischer Duktus die kulturelle Vielfalt der Cable Street musikalisch spiegelt: Irish Folk trifft hier auf Power-Balladen und hamiltonesken Klezmer-Hip-Hop – eine Kombination, die erstaunlich stimmig aufgeht. Besondere komödiantische Highlights sind die im grotesken Music-Hall-Stil singenden Zeitungen, die die manipulative Berichterstattung durch die Presse anprangern, und die Entscheidung, die Anhänger der BUF mit britischem Boyband-Pop auftreten zu lassen (und so lächerlich zu machen).

Hier offenbart sich allerdings auch die größte Diskrepanz des Abends: Will „Cable Street“ ein kathartisches Mitfühldrama sein oder einen satirisch-bissigen Blick auf die Geschichte des Faschismus in Großbritannien werfen? Adam Lensons Inszenierung versucht diese beiden Zugänge zusammenzuführen, was immer dann besonders gut funktioniert, wenn er nicht auf Realismus setzt – etwa bei der großen Schlachtszene, wenn aus Pub-Möbeln plötzlich Barrikaden werden und ein stilisiertes Polizeipferd als Puppe über die Bühne galoppiert. Auch das Einheits-Set von Yoav Segal mischt bewusst anti-realistisch moderne und historische Elemente in dem das Bühnenbild dominierenden Straßenzug.

Darstellerisch wartet die Produktion mit einem durchweg stark besetzten Ensemble auf. Isaac Gryn besitzt als draufgängerischer Sammy eine enorme Bühnenpräsenz und kann auch musikalisch in seinen oft Rap-orientierten Nummern überzeugen – wie in der energiegeladenen Eröffnung „My Street“. Barney Wilkinson gelingt es, Rons inneren Konflikt zwischen Zugehörigkeit und Menschlichkeit beeindruckend umzusetzen, während Lizzy-Rose Esin-Kelly als selbstbewusste und musikalisch kraftvolle Mairead dem Abend viel Wärme verleiht. Insgesamt ist „Cable Street“ ein spannendes Musical mit einem überraschend frischen Score, das eine wichtige Botschaft transportiert, obgleich es dramaturgisch stellenweise noch etwas nachgeschärft werden müsste.


Music Supervision: Tamara Saringer • Musikalische Leitung: Dan Glover • Regie: Adam Lenson • Choreografie: Jevan Howard-Jones • Bühne: Yoav Segal • Kostüme: Lu Herbert • Licht: Sam Waddington und Ben Jacobs • Sounddesign: Charlie Smith • Dramaturgie: Olivia Mace und Morgan Lloyd  Malcolm • Mit: Aoife MacNamara (Orlaith Kenny), Barney Wilkinson (Ron Williams), Debbie Chazen (Kathleen Kenny/Oonagh), Ethan Pascal Peters (Moishe Scheinberg/Sol), Isaac Gryn (Sammy Scheinberg), Jez Unwin (Yitzhak Scheinberg/Mick/Steve), Lizzy-Rose Esin-Kelly (Mairead Kenny), Natalie Elisha-Welsh (Rachel Scheinberg), Max Alexander-Taylor (Sean Kenny), Preeya Kalidas (Edie Williams/Elizabeth Warner), Romona Lewis-Malley (Rosa Scheinberg) u.a.

Aufmacherfoto: Johan Persson

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