
Die Musicalparodie „Unfortunate“ feiert mit Humor und jeder Menge Camp das Anderssein
Die Seehexe Ursula gehört zu den ikonischsten Antagonistinnen des Disney-Kosmos. In „Arielle, die Meerjungfrau“ verwandelt sie die Titelfigur im Tausch gegen ihre Stimme in einen Menschen – und darf mit „Poor Unfortunate Souls“ eine der markantesten Nummern des Films singen. Doch was, wenn Ursula eigentlich nicht der Bösewicht der Geschichte ist? Dieser Frage gehen Tim Gilvin, Robyn Grant und Daniel Foxx in ihrem als „Musical Parody“ überschriebenen Stück „Unfortunate“ nach, das nach einer erfolgreichen UK-Tour aktuell im Londoner Other Palace zu sehen ist.
Die Prämisse des Musicals lautet, dass Ursula und Triton gemeinsam die Unterwasser-Schule besucht haben, wo Ursula aufgrund ihres Tentakel-Aussehens und ihrer magischen Fähigkeiten ausgegrenzt wird. Diese Setzung erinnert – ebenso wie das Schurkinnen-Rehabilitations-Narrativ – deutlich an „Wicked“, das neben dem Disney-Film „Arielle“ klar als Blaupause des Musicals fungiert. Ursula und Triton verlieben sich ineinander, was Tritons Vater zu verhindern sucht. Aufgrund einer falschen Beschuldigung lässt er Ursula verbannen. Jahre später bittet Triton sie jedoch um Hilfe, da er nicht weiß, wie er seine Tochter Arielle von ihrer Menschenfaszination befreien kann. Im zweiten Akt wird dann die Filmhandlung – mit vielen Seitenhieben auf die Vorlage und einem veränderten Schluss – neu erzählt.
Musikalisch bietet Gilvin eine bunte Mischung aus Disco-inspirierten Nummern und Musicalzitaten. Insbesondere Alan Menkens Partitur zu „Arielle“ wird ausgiebig paraphrasiert und an einigen Stellen sogar beinahe wörtlich übernommen. Der Score ist dabei ebenso überzeichnet wie die Texte, die einen Gag nach dem anderen präsentieren. Manchmal fallen diese recht brachial aus, wie Arielles „Part of Your World“-Persiflage „Where the Dicks Are“. Vielfach gelingt es den Autoren aber auch, wichtige gesellschaftliche Themen anzusprechen. Eine Nummer wie „We Didn’t Make It to Disney“ reflektiert beispielsweise überzeugend, wie die mediale Repräsentation – oder deren Ausbleiben – von Figuren, die nicht der Norm entsprechen, Vorurteile verfestigt.
Dass jeder Gag bei dieser Produktion zündet, verdankt „Unfortunate“ vor allem dem talentierten Ensemble, angeführt von Sam Buttery. Buttery genießt als Ursula jede Sekunde der Show sichtlich und schafft es in einer stark auf Interaktion mit dem Publikum ausgerichteten Performance, sich die exaltierten Camp-Qualitäten, die die von der legendären Dragqueen Divine inspirierte Figur besitzt, gekonnt zu eigen zu machen. Mit dem Dance-Kracher „Unfortunate“ hat Buttery zum Schluss des ersten Aktes auch in der Musicalfassung die wirkungsvollste Nummer der Show.
Julie Yammanee überzeugt als Arielle sowohl mit ihrem komödiantischen Gespür als auch mit ihrer kraftvollen Stimme. In der parodistischen Überzeichnung geht Blair Robertson als Triton völlig auf, weiß jedoch auch in den emotionaleren Momenten des Stücks zu glänzen. James Spence sorgt als zerstreuter Märchenprinz Eric ebenfalls für reichlich Gelächter. Der Star des Ensembles ist jedoch Allie Dart, die nicht nur die Krabbe Sebastian verkörpert, sondern zugleich die französische Köchin. Dart besitzt ein brillantes Comedy-Timing – etwa, wenn sie in einer Sequenz beide Rollen gleichzeitig spielen muss – und stiehlt damit mehr als einmal die Szene.
Robyn Grants Inszenierung ist enorm temporeich und traut sich, die queeren Aspekte der Parodie breit herauszustellen. Herrlich überzeichnet ist auch die Ausstattung von Jasmine Swan. Ihr Bühnenbild stellt eine kindlich-bunte Unterwasserwelt dar und ist ebenso liebevoll gestaltet wie ihre Kostüme, die Funktionalität und Schauwerte raffiniert miteinander verbinden. Insgesamt ist „Unfortunate“ ein kurzweiliger Musicalspaß, der unterhaltsam – und mit viel Camp! – das Anderssein feiert und sich zugleich als liebevolle Hommage an einen zeitlosen Disney-Klassiker erweist.
Music Supervision: Nikki Davison & Joe Davison für Auburn Jam Music • Musikalische Leitung: Sinéad Rodger • Regie: Robyn Grant • Choreografie: Melody Sinclair • Puppenspiel und Bewegungsregie: Laura Cubitt • Ausstattung: Jasmine Swan • Puppendesign: Jasmine Swan und Mikayla Teodoro • Licht: Adam King • Sounddesign: Ian Dickinson für Autograph • Mit: Sam Buttery (Ursula), Allie Dart (Sebastian u.a.), Blair Robertson (King Triton u.a.), James Spence (Eric u.a.), Julie Yammanee (Arielle) u.a.
Aufmacherfoto: Mark Senior




