
„Something Rotten!“ ist eine urkomische Liebeserklärung an das Genre Musical
Wir schreiben das Jahr 1595. Nick und Nigel brauchen einen Theatererfolg, um gegen den Superstar William Shakespeare zu bestehen. Eine Wahrsagerin erkennt zwei Trends: die Gattung Musical und den Megaerfolg „Hamlet“ – nur, dass sie den Titel als „Omelette“ sieht. Und so soll „Omelette – Das Musical“ in der Renaissance-Gegenwart den Durchbruch bringen … Die Ausgangslage von „Something Rotten!“ bietet vielfältige Möglichkeiten für pfiffige Anspielungen zur Gattung Musical und den Stücken Shakespeares.
Die Übersetzung von Roman Hinze und Niklas Wagner überträgt Insidergags in deutsche Erfahrungen, etwa wenn Zitate aus „Elisabeth“ oder „Rebecca“ eingewoben werden. Wortwitz und Gags durch die Zeitebenen zünden in Perfektion. Die Stärke das Stückes ist, dass jeder lacht, auch wenn nicht alle Details wie die Rolle jüdischer Investoren am Broadway und damit der Rolle Shylock bewusst sind.
Matthias Davids nutzt bei der deutschen Erstaufführung die Erfahrung seiner Linzer Produktion im vorletzten Winter. Er setzt auf perfektes Komödientiming und ein klug zusammengestelltes Ensemble, das immer in Bewegung ist. Riccardo Greco ist ein großartiger „Superstar-Shakespeare“, Blicke und Gesten sitzen. Christopher Bolam und Benjamin Sommerfeld spielen das Brüderpaar Nick und Nigel hinreißend. Ihre Suche nach Erfolg in Literatur, Theater und bei Frauen wird urkomisch und anrührend zugleich dargestellt. Entertainerin Gayle Tufts bietet als Nancy Nostradamus treffsichere Pointen und nutzt in Dialogen ihre kabarettistische Erfahrung. Herrlich, wenn sie in der Zukunftsschau Musicaltrends findet, die für die Renaissance verstörend klingen – etwas ein „Musical nur mit Katzen“. Die beiden Frauenhauptrollen sind perfekt besetzt: Als Bea kann Johanna Zett ihre Schauspielkunst voll ausleben. Valerie Luksch nutzt als Portia die Chance, energiegeladen und ulkig, romantisch und crazy zugleich zu sein. Auch die restliche Cast muss nicht nur in verschiedenen Rollen tanzen und singen, sie muss vor allen Dingen komisch sein. Das gelingt Nicolas Tenerani (Bruder Jeremiah) und Ulrich Talle (Lord Clapham) ebenso wie Klaus Brantzen (Shylock).
Kim Duddy kennt Ruine und Stück. Ihre Choreografie bringt jede Szene, jeden raschen Übergang in kreative Bewegung. Vergnüglich gelingen ihr Stück-im-Stück-Choreografien, die Musicalzitate bieten – bis hin zu „Lord of the Dance“. Aus Linz kommen die Kostüme von Adam Nee. Pracht, Verspieltheit und Qualität setzen Maßstäbe und wirken vor dem Steinhintergrund grandios. Bühnenbildner Andrew D. Edwards nutzt nicht die Weite der weltweit größten romanischen Kirchenruine. Er baut vor die Säulen schmucke Holzfassaden, die im riesigen Kirchenraum eine kleine Spielfläche schaffen. Dazwischen bieten eine bewegliche Fassade und ausklappbare Elemente Verwandlungsmöglichkeiten, verstellen allerdings auch den Blick auf die Tiefe der ungenutzten Apsis. Dadurch wirkt das Bühnenbild am Anfang, bei aller Liebe zum Detail, als hätte hier eine Tourneeproduktion Halt gemacht. Gut, dass Michael Grundners großflächiges Licht bei zunehmender Dämmerung die Mauern mit den Bauten verschmelzen lässt und sie in den Showmomenten als Projektionsfläche magisch nutzt.
Qualitätsgarant Christoph Wohlleben kann auf die große Orchestrierung mit Streichern statt Keyboards zurückgreifen, was besonders die musikalischen Zitate wunderbar erleben lässt. Unterstützt wird der detailreiche Orchesterklang durch das gute Sounddesign, das nur bei den extrem schnellen Chorstücken an seine Grenzen kommt. Problematisch ist es, wieder auf Pausen zu verzichten und deshalb Partituren zu kürzen. Dauerte die Show in Linz mit Pause noch 2 Stunden 55 Minuten, ist in Hersfeld nach etwas über zwei pausenlosen Stunden Finale. Wer das Original nicht kennt, dem fehlt vielleicht nichts. Aber in Zukunft würde dieses zeitliche Korsett womöglich einige Stücke gänzlich ausschließen.
Musikalische Leitung: Christoph Wohlleben • Regie: Matthias Davids • Choreografie: Kim Duddy • Bühne: Andrew D. Edwards • Kostüme: Adam Nee • Licht: Michael Grundner • Sounddesign: Joerg Grünsfelder • Dramaturgie: Stine Kegel • Mit: Christopher Bolam (Nick Bottom), Benjamin Sommerfeld (Nigel Bottom), Riccardo Greco (Shakespeare), Gayle Tufts (Nancy Nostradamus), Johanna Zett (Bea), Valerie Luksch (Portia) u.a.
Aufmacherfoto: BHF/Johannes Schembs




