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Daddy Long Legs

Als wir noch Briefe schrieben

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Theater Pforzheim
von
Paul Gordon (Musik und Liedtexte)
John Caird (Buch)
Marie-Luise Schottleitner und Martin Fischerauer (Deutsche Fassung)
Regie
Sally Elblinger
UraufführunG
2009

„Daddy Long Legs“ erzählt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Eine echte Rarität steht in Pforzheim auf dem Programm: Die Musical-Adaption des bekannten Briefromans „Daddy Long Legs“ (oder auf Deutsch „Daddy Langbein“) stammt aus dem Jahr 2009 und schaffte es mit kürzeren Laufzeiten immerhin ins West End und an den Off-Broadway. Das Zwei-Personen-Stück von Paul Gordon und John Caird, dem Team von „Jane Eyre“, wird bei uns nur selten gezeigt. Es erzählt eine seltsame, sich lange hinstreckende Liebesgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ist gleichzeitig ein Coming-of-Age-Stück für Jugendliche, das sich sowohl in Richtung Feminismus und Frauenrechte als auch in der romantischen Nachfolge der Jane-Austen-Romane lesen lässt.

Jean Websters Briefroman aus dem Jahr 1912 war lange ein Kultbuch unter jungen Heranwachsenden. Er erzählt von Jerusha Abbott, der „ältesten Waise im John-Grier-Heim“. Ein unbekannter Gönner unterstützt sie mit Geld, damit sie am College studieren kann; nach einem Schatten, den sie draußen von ihm erhascht hat, nennt sie ihn „Daddy Long Legs“, was im Englischen den langbeinigen Weberknecht bezeichnet. Seine einzige Bedingung lautet, dass sie ihm jeden Monat einen Brief schreiben muss, er aber antwortet nie. Der Roman besteht aus genau diesen Briefen, hier spricht also nur die kluge, witzige Jerusha, die tatsächlich Schriftstellerin wird. Das Musical zeigt dann auch ihr Gegenüber, den menschenscheuen, reichen und erstaunlich jungen Jervis Pendleton, der das Mädchen unter dem Pseudonym John Smith unterstützt. Sie hält ihn für einen kahlen, alten Mann und entwickelt dennoch in ihren Briefen eine gewisse Zuneigung zum ihm. Später lernt sie Jervis kennen und erfährt erst ganz am Schluss, wem sie wirklich geschrieben hat – die Szene erinnert an den alten Film „Rendezvous nach Ladenschluss“ und all seine weiteren Adaptionen.

Obwohl das Stück in Pforzheim unter „Junges Theater“ läuft, freut sich im Podium, der kleinen Spielstätte, ein vorwiegend mittelaltes Publikum über die nostalgische, zeitgemäße Ausstattung von Sarah Prinz. Jerusha trägt einen Hosenrock und entwickelt ein gesundes Bewusstsein über Demokratie und das Frauenwahlrecht. Ihr edler Sponsor trägt all die Briefe, in deren Autorin er sich nach und nach verliebt, auf seinem Anzug, Briefe flattern auch durch den Raum und bedecken irgendwann sämtliche Flächen. Regisseurin Sally Elblinger hat eine Rahmenhandlung erfunden, in der Jerusha heute vor genau 100 Jahren den Literaturnobelpreis gewinnt (den mit Grazia Deledda tatsächlich eine Frau erhielt) und über ihre Herkunft ausgefragt wird.

Die kammermusikalische, in Pforzheim mit vier Instrumenten besetzte Musik erinnert am ehesten an Jason Robert Brown; sie klingt stilistisch vielleicht nicht ganz so vielfältig, sondern liedhafter und romantischer. Daniel Nicholson porträtiert den distanzierten Philanthropen Jervis sehr trefflich als ungelenken, dezent sozialgestörten und doch herzensguten Menschen, der schöne Songs wie „Komm ich zeig dir mein Manhattan“ hat. Verzweifelt fragt er sich in „Charity“, wer hier wem hilft – der reiche Mann dem armen Mädchen oder die selbstbewusste junge Frau dem zurückweichenden Neurotiker. Leider wird Nicholsons Opernstimme an emotionalen Stellen etwas zu laut. Joanna Lissai ist schlicht bezaubernd als selbstbewusste Waise, mit leichter Stimme ruht sie ganz authentisch in sich selbst. Ihr zentraler Song „Der Schlüssel zum Glücklichsein“ vermittelt die Botschaft, stets im Moment zu leben.

Eigentlich steuert alles auf das Happy End zu, das man den beiden Charakteren von Herzen wünscht, nachdem man sie so gut kennengelernt hat. Die Rahmenhandlung der Regisseurin allerdings schätzt, anders als der Roman und die Musicalautoren, Jerushas Enttäuschung über die jahrelange Lüge höher ein als ihre Liebe zu Daddy Long Legs/Jervis – die Geschichte endet bei allem Sieg für die Eigenständigkeit der Frau mit einer sehr traurigen Note.


Musikalische Leitung: Eun Chong Park • Regie: Sally Elblinger • Ausstattung: Sarah Prinz • Licht: Markus Arndt • Dramaturgie: Julia Maschke • Mit: Joanna Lissai (Jerusha Abbott), Daniel Nicholson (Jervis Pendleton) • Mitglieder der Badischen Philharmonie Pforzheim

Aufmacherfoto: Martin Sigmund

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